Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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31. März 2004

Wassermarken sammeln

Der Umbau der Ruhrgebiets-Kanäle für die Europa-Norm der Schiffe hat den Ufern viel an Attraktivität genommen: Die hohen eisernen Spundwände sind langweilig.
Das viele Wasser in der Region ist jedoch eine weithin ungenutzte Ressource. Wer die Kanäle für das Reisen erschließen will, muss sie ähnlich attraktiv machen, wie wir den Rhein erleben. Daran sind die Menschen in der Region ebenso interessiert wie die vielen Gäste, die seit einem Jahrzehnt von weither kommen.
Wie können die Kanal-Ufer wieder so vielgestaltig werden, wie wir sie noch am Dortmund-Ems-Kanal und östlich von Herne finden? Die IBA Emscher Park hat erfolgreich eine überraschende Idee entwickelt, die Emscher Region zu strukturieren: mit Land-Marken. Das sind Landschafts-Bauwerke und Kunst-Orte - meist auf den künstlichen Bergen, die wir Halden nennen. Nun können wir eine weitere Dimension hinzufügen: Wasser-Marken.
Suchen wir ähnliche Merkpunkte und gestalten wir weitere: kleine und große Skulpturen, verrückte Konstruktionen, spannende Bauten. Ich stelle mir vor, dass viele Leute erlebbare Punkte aufspüren – und sie in die laufenden Arbeiten am „Neuen Emscher Tal“ hinein mitteilen (Ansprechpartner: Michael Schwarze-Rodrian, Projekt Ruhr, Berliner Platz 6, 45127 Essen). Es könnte eine Kette von Wasser-Marken entstehen.
Einige spannende Beispiele gibt es schon: Brücken-Türme in Ruhrort, in ihrer Nähe die Stahlplastik Rhein-Orange, Gasometer in Oberhausen, daneben zwei kreuzende Brücken über dem Wasser – eine phantastische Szenerie, ein Theater am Wasser an der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen-Horst, die „Insel“ in Herne, die Siedlung am Kanal in Lünen, nebenan im kleinen Preußen-Hafen der Mohr-Kran.
Regen wir die Städte und die privaten Anlieger an, viele weitere Wasser-Marken zu schaffen: als Merk-Zeichen, Orientierungen, Verknüpfungen von Wasser und Land, Erinnerungs-Male, Nachdenk-Stätten, Traum-Orte. Immer stiften diese eigentümlichen Gebilde in sehr unterschiedlicher Art Identitäten – und sie regen die Phantasie zu Geschichten an. Wenn wir in einem Boot lange Zeit durch das Wasser gleiten, entsteht ein eigenartiges Gefühl des Meditierens: Die Gegend entfaltet sich mit Ahnungen.
Verantwortung für die Region heißt in diesen Zeiten: die Potenziale erkennen und entwickeln. Das ist Arbeit – und zugleich Lust an der Seele der Region. Mit neuen Wasser-Marken setzen wir neue sinntragende Bedeutungen. Wir entwickeln ein neues Sehen für neue Bilder.
Die lebendigste Wasser-Landschaft hat das Westfälische Industriemuseum um das Schiffshebewerk Henrichenburg in Waltrop geschaffen – eine ziemlich einzigartige Szenerie für einen anregenden Sonntag