Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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30. Juli 2003

Feuer, Unwetter
und Stadtplanung

Das kleine eingeschossige Fachwerk-Haus hat einen Balken in der Art, wie er jahrhundertelang Aufschriften trug: mit Beschwörungen des Himmels und Bekenntnissen. Auf diesem hier steht der einzigartige Satz: „Lieber Gott, schütze dieses Haus vor Feuer, Unwetter und Stadtplanung. Renovare AD 1996.“
Das Haus steht in Mülheim an der Löhstraße 72/Ecke Kohlenstraße. Es ist eines der allerletzten Häuser des abgeräumten frühindustriellen Mülheim – mit dem einst der Boom dieser Region begann.
Drumherum sehen wir die Zeichen sinnlosen Abrisses: Eine Brachfläche, Neubauten von einst – banalster Art, Lücken und Lücken. Das ist der Offenbarungs-Eid einer Stadtplanung nach dem Motto: Erstmal abreißen, dann ist und bleibt uns alles egal.

Das Wort Sanierung war eine Lüge
Diese Stadt-Sanierung, ein Symbol der 1960er Jahre, war eine der übelsten Stadt-Zerstörungen in Nordrhein-Westfalen. Dafür gab das Land sehr viele Millionen aus und die Städte taten viele dazu. Das Wort Sanierung war eine gigantische Lüge – eine Farce. Saniert haben sich einige Spekulanten und ihre Hilfs-Unternehmen – dann verschwanden sie spurlos. Unter dem Stichwort „Zukunft“ wurde die Konzeptlosigkeit verkauft, die wir in diesem Umfeld sehen. Das Haus ist ein geradezu künstlerischer Augen-Öffner: Es überführt sie. Wir stehen in einem infernalischen Kunstwerk.
Dem Abriss folgten Brachen und an manchen Stellen das angeblich Bessere – das war die Banalität. So machte sich die Planung zur Karikatur. Dann kümmerte sich kein Amt mehr um irgendetwas. Und so liegt es heute da – und wir können darum beten, dass sich um Himmels willen nicht wiederum diejenigen dort einmischen, die es noch nie verstanden haben.
Nicht wenig Raum hat dieses Häuschen, das klein aussieht. Die Bewohner leben darin durchaus modern, mit Computer und Kandinsky. Dass dies in alten Häusern möglich wurde, wusste man schon vor Jahrzehnten, ließ es aber nicht gelten. Auf dem Freigelände nebenan könnte in Tafeln eine Darstellung des Kahlschlags stehen – mit den Namen all der falschen Helden, die hier planten und mitstimmten, eines der großen Zerstörungs-Werke der Region aufzuführen.
Eines Tages wird ein Mülheimer Shakespeare kommen und ein grimmiges Stück daraus machen – mit all den Ingredienzien seiner Stücke: Macht, Spekulation, Intrige, Menschen-Verachtung, Zynismus, Mitleidlosigkeit, Aufgeblasenheit. Der Rest ist auch hier Schweigen.
Ausgenommen einige Provokationen, die wir brauchen, um nicht ein weiteres Mal in die Zerstörung zu fallen: Auch die kleinen Milieus in einigen Straßen und das denkmalgeschützte Fachwerk-Haus Auerstraße 14. (NRZ)