Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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29. Oktober 2003

Veraltete Zukunft

Die Bahnhöfe sagen mir nur, welche Bahnlinien und Haltestellen es gibt – dann werden sie stumm. Gibt es sonst nichts zu erzählen? Warum redet die Bahn nicht über sich? Eisenbahn ist nach wie vor faszinierend.
Einrede: Aber es gibt genug Werbung. – In der Tat. Vorschlag: Nicht Werbung, sondern zeigen, wie Eisenbahn gemacht wird. Was steckt hinter dem Sichtbaren? Was für Menschen arbeiten für uns? Wie gehen sie miteinander um? Wie verständigen sie sich? Was tun ihre Geräte?
Die Freunde der alten Eisenbahn in Bochum-Dahlhausen verstehen sich aufs Erzählen. Warum die aktuelle Eisenbahn nicht? In den Bahnhofs-Hallen gibt es große Bild-Schirme. Da könnte mehr Reportage und weniger Werbung laufen.

Ziele suchen für die Reisenden
So wenig wie die Bahn sich selbst entdeckt hat, entdeckt sie für die Reisenden ihre Ziele. Ich habe immer noch die Bilder im Kopf, die ich in meiner Kindheit in den Abteilen der dritten Klasse über den Sitzen sah: wunderbare Bilder vom Besten des Landes. Komisch: Das scheinbar Veraltete kommt mir vor wie eine Zukunft, die jetzt eigentlich mal beginnen könnte.
In den neuesten schicken Zügen kann man blöde Krimis sehen – um vielleicht auf die drei Abend-Stunden vor dem Fernsehen am Morgen zwei weitere draufzusetzen. Ich warte darauf, dass mir diese Bahn erspart, was ich überall gucken kann (und daher kaum mehr anschaue) – und dass sie mir stattdessen etwas Gescheites über sich selbst anbietet. Hat sie sich denn immer noch entdeckt?
Wo wir schon beim Fragen sind – warum, bitte, geben die S-Bahnen, Straßenbahnen und Busse keine Informationen über einiges, an dem wir vorbei fahren? Viele Leute wären dankbar, etwas zu erfahren. Oder gibt es da wirklich nichts Nennenswertes? Das glauben doch wohl nur die Betreiber selbst.
In Berliner Bussen hängen in der Mitte Bild-Schirme. Als ich sie zum ersten Mal sah, war ich fasziniert. „Das könnte es sein!“, dachte ich. Aber dann kam wieder bloß diese Werbung, mit der ich überall zugeworfen werde. Aber es kann sich nun kein unverantwortlicher Verantwortlicher mehr herausreden, es gäbe kein gutes Mittel, um substanzielle Information zu den Leuten zu bringen. Ähnliches gilt für die Bahnsteige und Halte-Punkte. Die Bahn wird von vielen Leuten benutzt, die noch neugierig sind. Wann machen wir Schluss mit dem Schweigen wie in den Geheimgesellschaften des 18. Jahrhunderts?