Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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Der Start-Artikel zur Serie von JENS DIRKSEN:

29. Juli 2003

Roland Günter guckt genau hin

BAUEN, WOHNEN, LEBEN / Ansichten zwischen Denkmalschutz und neuer Stadtkultur

Wo Roland Günter hinguckt, wächst so schnell kein Gras drüber. Anfang der 70er Jahre kam der in Herford geborene Architekturprofessor, Baudenker und Denkmalschützer mit Studenten aus Bielefeld in den Oberhausener Stadtteil Eisenheim, um den Abriss der dortigen Thyssen-Siedlgung zu dokumentieren. Das Ergebis, nach langem, zähem Kampf, für den auch die NRZ ein Forum bot: Die Siedlung Eisenheim blieb bestehen. Eine Idylle aus Backstein-Idylle inmitten einer Bauwüste.
Wichtiger noch: Dieser ersten geretteten Arbeitersiedlung folgten bald hunderte auf deren Erhalt und Restaurierung man im Revier zurecht stolz ist. Nur, Roland Günter sieht dieses gerettete Erbe heute wieder gefährdet. Und als wolle er seinen 26 verschiedenen Berufsbezeichnungen noch die des Planungssanitäters hinzufügen, mischt er sich heute mit scharfen Auge und noch schärferen Argumenten überall dort ein, wo die historische Substanz alter Stadtteile und Siedlungen gefährdet ist – von Kamp-Lintfort bis Hamm, von Mülheim-Heimaterde bis Waltrop.

Feldzüge für den Denkmalschutz
Aber Günters Feldzüge für den Denkmalschutz sind kein Selbstzweck. Der Vorsitzende des Deutschen Werkbundes in NRW, der Autor des glühendsten aller Revierbücher („Im Tal der Könige“) zieht damit nur Konsequenz aus der Erkenntnis, dass „die wirklichen Fortschritte kulturell gemacht werden“ und schönes Bauen ein Stück Lebensqualität ist – und das hässliches Bauen das Leben beschädigt: Gute Architektur ist die Grundlage für gutes Leben.“
Dem Revier ist Roland Günter deshalb nach der Rettung von Eisenheim erhalten geblieben. Und das nicht von ungefähr. Denn er war zwar immer mal wieder der geborene Kandidat für einen der sieben bundesdeutschen Lehrstühle für Baugeschichte – aber jedesmal, wenn es fast soweit war, wählten seine Professorenkollegen dann doch lieber einen Fachmann für apulische Baunähte; einen, der keinem ins Gehege kommen, keinen Ärger machen würde. Dass Roland Günter als Teil einer Bürgerinitiative so etwas wie Architekturtheorie mit handfesten Folgen in der baulichen Praxis betrieb, war vielen Hochschullehrern suspekt.
Bestechend ist nach wie vor Roland Günters Blick für falsche Proportionen: Als der Siedlung Eisenheim die Abrissbagger drohten, wurde gleichzeitig der Bunker in der Siedlung für Millionen saniert. Günter bewies, dass eine Sanierung billiger war als der Abriss, indem er einfach hinzog nach Eisenheim. Und sanierte. Den Anschluss an die Kanalisation ließ er auf eigene Kosten legen.
Günters Philosophie des geplanten, gebauten Raums hat längst auch jenseits der Ruhr Früchte getragen, etwa in Niklas Fritschi, dem Gestalter des neuen Düsseldorfer Rheinufers, der viel an, in und von Eisenheim gelernt hat. Nun soll auch die seit Eisenheim bewährte Verbindung von NRZ und Günter neu belebt werden: Der treue Liebhaber der Industriekultur wird von nun an einen „erfrischend anderen“ Blick auf den umbauten, verbauten oder auch gut gebauten Raum an Rhein und Ruhr werfen, immer nach der Devise: „Wenn man an irgendeiner Stelle tief geht, ist das weltoffen – egal, wo man sich gerade befindet.“ Günter schreibt über allerlei Baulücken und unaufgeräumte Baustellen von Stadt- und Landes-Planung, von Stadt-Marketing, Tourismus und Transportwesen. Günter schreibt – kritisch, träumerisch, skeptisch, begeistert, nachdenklich oder visionär. Ab morgen in der NRZ: Günter guckt hin.“