Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

<< Home

>> Kurz-Vita

>> Lieferbare Bücher

>> Schriften-Verzeichnis

<< Die NRZ Kolumne

29. Januar 2004

Künstler statt Kauf-Routine

Gelegentlich geschieht es, dass der Eigentümer eines leerstehenden Ladens den Raum mit ein paar Bildern eines Künstlers dekorieren lässt. Man mag fragen, ob dies Kunstverständnis ist – gewiss nicht immer, dahinter steckt wohl meist der Kommerz.
Leider gibt es in jeder Einkaufs-Zone, Gott und anderen sei es geklagt, einen dramatischen Wandel des Handels, und so stehen leider Geschäfts-Räume leer. Dann lesen wir in Zeitungen und Leser-Briefen die Lamentos – und negative Phantasien sowie Schuld-Zuweisungen an Leute, die keine Schuld daran haben (z.B. Stadtverwaltungen). Schweigen: über die, die wie ein riesiger Staubsauger den Handel zusammensaugen und irgendwo konzentrieren. Schweigen: über die Schnäppchenjäger-Mentalität, die darauf hereinfällt und bewusstlos zuarbeitet.
Die instrumentalisierte Idee des zwischenzeitlichen Dekorierens kann aber auch zu einer guten Idee werden. In Oberhausen gibt es ein Beispiel, das Schule machen könnte. Ein Hauseigentümer am Altmarkt gab der Künstlervereinigung KIR (Kunst-Initiative Ruhr) einen großen Laden für Ausstellungen – so lange bis sie einen kommerziellen Mieter findet. – Man stelle sich vor: Es bürgert sich als guter Brauch ein, dass Hauseigentümer sozialkulturellen Initiativen in solchen Zwischenzeiten ihre Räume überlassen. Diese zahlen nur die Verbrauchs-Kosten.
Die Wirkung kann phantastisch sein: Anstelle öder Verlassenheit und Klagen sprießt ein sinnhartes Leben in der Fußgänger-Straße. Manch einer wird denken: Soviel Interessantes gab es noch nie. Die Marktstraße ist sympathisch geworden. Dort gibt es Leute, die nicht nur die Musik ihrer Laden-Kasse verstehen, sondern auch andere Musiken.
Die KIR in Oberhausen versteht es, interessante wechselnde Ausstellungen zu holen – als Beitrag zur städtischen Lebendigkeit. Am Nachmittag kommen Leute und reden miteinander – so entsteht das viel gesuchte, aber noch kaum gefundene Flair einer Stadtmitte. Wenn die KIR den Ort, wie abgemacht, nach einiger Zeit wieder aufgibt, ist ihr der heiße Dank des Eigentümers gewiss. Und sie weiß dann schon, wo sie ihr nächstes Domizil aufschlägt – um die Ecke, 150 Meter weiter. Ihre Ereignisse ziehen Menschen in die Stadt. Denn Künstler können Meister darin sein, mit fast nichts Atmosphären zu zaubern. Mit Bildern wird die Straße nicht nur farbig, sondern auch nachdenklich.
Vielleicht steckt es ja ein paar Laden-Besitzer an, ihren Schau-Fenstern und Räumen ebenfalls wieder eine Kultur der Nachdenklichkeit zu geben. Eine meiner besten Studentinnen hat mal eine spannende und tiefsinnige Arbeit über Strümpfe geschrieben. Es lassen sich viele kaufbare Dinge entbanalisieren. Wer versucht es?