Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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28. Juli 2004

Der Mann vom Gasometer

Im Juli 2004 starb einer von den stillen Großen der Region. Man bemerkte ihn nicht, nur wenige kannten ihn, aber sein Hauptwerk steht täglich vor Augen. Die belebte Emscher-Autobahn bietet den Blick auf dieses Monument, das wie ein Straßburger Münster das Orientierungszeichen im westlichen Ruhrgebiet und inzwischen Wahrzeichen der Stadt Oberhausen ist.
Dieser Mann richtete den gigantischen Gasometer neben der Autobahn und am Kanal so intelligent her, dass er zu einer der faszinierendsten Ausstellungs-Hallen der Welt werden konnte. Sein Werk war es, den hohen Giganten, der Zerstörungswut entrissen, nutzungsfähig zu machen – und mehr als dies: betretbar und bespielbar zu machen, zum Erlebnis. Heinz Lechtenberg ließ im Innern die gewaltige Scheibe, die einst das Gas zusammenpresste, festlegen und schuf darauf eine Bühne und Zuschauer-Ränge, ein Theater. Hinzu kam der wunderbar schwebende Glas-Aufzug, der für eines der erstaunlichsten Erlebnisse in der Region sorgt. Diese 100 Meter hochsteigende oder herabsinkende Fahrt wird in poetischer Sprache der „Flug der Engel“ genannt. Außen kam ein weiterer Aufzug hinzu, kombiniert mit einer Flucht-Treppe – auch dies ein Erlebnis. Und das Dach machte Heinz Leuchtenberg begehbar; so konnten viele Menschen rundherum das westliche Ruhrgebiet als Panorama bestaunen – die Region, in der die geistvolle Person Heinz Lechtenberg nun als Aura bestehen bleibt.
Im Babcock-Konzem hatte sich Heinz Lechtenberg eine GmbH für Projekt-Steuerung mit zwölf Mitarbeitern als eine Art Innovations-Abteilung eingerichtet. Heinz Lechtenberg war einer der wenigen Manager aus der großen Industrie, der das erfüllte, was die IBA Emscher Park sich erträumte: dass die Wirtschafts-Leute der Region aufwachen und mithelfen, die Region zu gestalten.
Die substanzlosen und zwielichtigen Chefs von Babcock brüskierten den innovativen Mann, der ihnen sogar Gewinne einspielte: Er passte nicht in die simplen Klischees, mit denen sie schließlich den Konzern ruinierten. Auch sonst ist vom Mitmachen der Wirtschaft in der Region im Sinn der IBA sehr wenig zu sehen – außer seltenen Alibis.
Jedes Jahr gehen Hunderttausende in den Gasometer – in die weite Halle und aufs Dach. Freunde bieten an, hier auf einer Tafel die Geschichte dieses tüchtigen Mannes zu erzählen. Das lässt eine Idee entstehen: Der Gasometer könnte auch eine Art Pantheon des Ruhrgebietes sein? Denn es wäre schön, wenn man außen beim Anblick und innen in dem eigentümlichen Raum daran denkt, dass es Menschen sind, die die großen Werke zustande bringen.