Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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27. Oktober 2004

Der Friedhof als Denkmal

Am Kaiserberg in Duisburg, einige Meter neben der Tramhalte Zoo, liegt ein besonderer Friedhof – einzig gewidmet den Umgebrachten im ersten großen Krieg des 20. Jahrhunderts. „Nach dem Zweiten Weltkrieg“, sagt Horst Wolffram, heute Meister im Metallhandwerk, „mit acht Jahren ging ich oft mit einem Leinensäckchen auf diesen Friedhof und achtete nur auf die Bucheckern, die ich für ein armes Essen sammelte – als Fett für die Bratkartoffeln in der Pfanne.“
Jetzt hat sich sein Blick verändert. Der „Ehrenfriedhof“ ist für ihn kein harmloser Buchenwald mehr, sondern eine brisant erfahrbare Geschichte: „Du liest auf kleinen und großen Steinen Namen – von 22-Jährigen. Da überläuft mich ein Schauder. Hier liegen ganze Kompanien, ermordet bereits am Anfang des Krieges 1914. Aus Duisburg, Wesel, Dinslaken, Mülheim. Ich versuche, mir diese Leute vorzustellen – und sie mit heutigen Soldaten und jungen Menschen zu vergleichen.“
Der Friedhof ist ein Tabu in der Stadt. Ein Schatten von gestern? „Nein“, sagt Horst Wolffram, dieser Friedhof sei ein grausames Denkmal. „Eine Stätte, an der die Sinnlosigkeit eines befohlenen Sterbens deutlich wird – in einer Epoche, die von der Selbstbestimmung des einzelnen Menschen spricht.“ Allein bei Verdun kamen 800.000 Menschen um – die Heeresleitung nannte es „Abnutzungsschlacht“. Der Sieger? Wer übrig blieb. Nach dem Gemetzel ging der Kaiser ins Nobel-Exil – in das holländische Waldtal bei Doom. Und bestritt jede Schuld.
„Gefallen heißt es: das ist eine Vernebelung eines schlimmen Sterbens“, sagt Horst Wolffram. „Ehrenfriedhof – wer hat die Ehre? Für wen?“ Die Ehre, mit 20, 25 Jahren für eine verbrecherische Regierung zu sterben, die behauptete, das Vaterland zu sein? Diese Regierung kommandierte die jungen Leute, andere Völker zu überfallen. Wer zahlte die Zeche? – Nicht die verantwortungslosen Verantwortlichen. Was für eine Verkehrung der Ehre! Die Sprüche, die auf dem Friedhof zu lesen sind, wandeln sich ironisch um.
Der Krieg veränderte auch die Alterspyramide. „Du kommst auf den Friedhof, siehst einige Gräber, gehst weiter, und es werden immer mehr und mehr, und das Unfassbare ist, dass hier die Jugend liegt. Wie sah die Gesellschaft nach dem Krieg aus?“
Es gibt viel zu viele Orte, die uns so präsentiert werden, als ob wir alle blind und naiv wären. Gegenbeispiel: In Hamburg entstand vor 20 Jahren an einem militaristischen Denkmal das Gegendenkmal des Bildhauers Hrdlicka. „So etwas wünscht man sich auch hier.“
Die Kriegsgegner, die Pazifisten, die Menschenfreunde müssen nicht so abstrakt sein, wie sie ihre Botschaften vortragen; sie können in der Stadt deutlich machen, dass es an mancherlei Orten eine Szenerie gibt, wo wir mal intensiver zu denken beginnen – ein „DenkMal“!