Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

<< Home

>> Kurz-Vita

>> Lieferbare Bücher

>> Schriften-Verzeichnis

<< Die NRZ Kolumne

27. August 2003

Der eingebaute Schmutz

In der heimlichen Hauptstadt des Ruhrgebiets, in Essen, lamentieren manche Leute seit Jahr und Tag über ihren Hauptbahnhof. Was stört daran eigentlich? Im Grunde doch nur ganz weniges – dies allerdings ziemlich heftig. Das größte Problem: Man macht es sich nicht klar – am wenigsten die Verantwortlichen, die genau daran zeigen, wie wenig sie sich verantwortlich fühlen.
Und so gucken sie nicht genau hin, sondern beschwören eine Idioten-Vorstellung. Das heißt in dieser Gesellschaft immer: Ein Problem mit viel Geld zuwerfen, statt es mit genauem Geist zu entdecken und zu lösen. Dann wird ein gigantomanes Projekt mit Worten verpackt, bei denen man nicht mehr denken muss – etwa mit der Plakette „Zukunfts-Plan“. Aber was erregt am Gebäude Hauptbahnhof eigentlich unser Missbehagen?
Da herrschte einst offensichtlich das verbreitete Motto Bauen – und dann nichts wie weg!“ Die Verwalter haben die Ansicht, dass sich ein öffentlicher Bau von selbst erhält – oder durch Sprüche. Man lässt seine Wohnung pflegen, aber nicht den Bahnhof.
Zum einen Absurden kommt ein Zweites: Schon beim Bauen wurde der Schmutz eingebaut – mit bestimmten Materialien und Farben, die einfach nur schmuddelig aussehen. Warum wurde der Schmutz eingebaut? Aus Angst vor dem Schmutz, der noch kommen könnte. Das ist paradox, aber weit verbreitet. Und so starrt uns von überall her der Schmutz an: garstig die Fußboden-Beläge und grau die Decken-Verkleidungen. Immerzu werden unsere Sinne beleidigt.
Übrigens: Nase und Geschmack werden strapaziert. Darf das brutzelnde Fett der vielen Fritteusen weithin stinken? Hat mal einer kontrolliert, wie schlecht es ist?
Die Mängel dieses Metropolen-Bahnhofs lassen sich mit wenigen Mitteln beheben. Als Architektur ist er ganz gut. Er funktioniert vorzüglich. Aber er braucht andere Oberflächen, andere Farben, anderes Licht. Zu seiner Ästhetik müsste man sich etwas einfallen lassen. Sucht euch einen, der das kann! Das ist weitaus billiger als ein Umbau, der sofort eine Kette neuer Probleme mit sich bringt – und damit den Schrei nach der nächsten Sanierung.
Übrigens könnte RWE daran demonstrieren, dass der Gigant nicht nur Strom als Quantität verkaufen kann, sondern auch als Qualität.