Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

<< Home

>> Kurz-Vita

>> Lieferbare Bücher

>> Schriften-Verzeichnis

<< Die NRZ Kolumne

26. Mai 2004

Statistik lügt

In der Tagung über Stadtplanung führen die Experten ihre Statistiken vor. Mir kommt das vor, als hätten sie an die Stelle von Bibelsprüchen jetzt Ziffern gesetzt – und ich sehe gläubige Gesichter, die die Ziffern einatmen und in der Diskussion wieder aushauchen. Statistiken werden wie Glaubenssätze gelesen. Warum wehren sich die Pfarrer nicht dagegen?
Ein Mann geht durch einen Fluss und ertrinkt. Warum? Man hat ihm gesagt: Der Fluss ist im Durchschnitt 50 cm tief. Tatsächlich ist er die 50 cm tief nur an imaginären Stellen, denn er ist überall tiefer oder flacher. Was, bitte, sagt eine Statistik über die Welt?
Ich laufe in Kleve die gebogene Straße hoch zum Schloss. Man hat mich lesen lassen, dass es hier wie überall die statistische Zahl von 3,3 Personen pro Familie gibt. Unter den vielen Menschen sind Vater und Mutter leicht auszumachen – aber spannend finde ich die Ziffer mit den Kindern. So begegne ich einigen ganzen Kindern und vielen Drittel-Kindern.
Aber wie sieht so ein Drittel-Kind aus? Ist das nun das obere Drittel mit Kopf und Brust – oder das mittlere, allein mit Bauch – oder das untere mit den Beinen? Statistik ist ein Fall für den Maler Hieronymus Bosch.
Ich stelle mir vor, wie sie an der Burg spielen: die Kinder mit dem oberen Drittel und die mit dem unteren Drittel. Vielleicht gibt es nebenan auch eine Werkstatt, die den Eltern die Drittel zusammensetzt. Schwierig bis schrecklich.
Die Intuition ist richtig: Statistik ist eine Lüge – geradezu ein Wahn geworden. Unreflektiert werden an Hochschulen Studiengänge vollgepfropft mit der Mathematik für statistisches „Denken“ – dann spart man sich handfeste Psychologie von individuellen Fällen.
Produzenten produzieren nur noch für behauptete Mehrheiten. Über Statistik sprechen Politiker den Minderheiten Rechte ab. Verwalter denken, wenn sie bei der Mehrheit liegen, können sie sich Minderheiten sparen – also Arbeit. Nach Statistiken wurde Schreckliches gebaut: Großwohnanlagen wie der Tossehof in Gelsenkirchen oder Hagenshof in Neumühl oder die Kunschen Hochhäuser in Duisburg-Homberg. Jetzt stehen sie teilweise leer und vor dem Abriss.

Das Einzelne genau ansehen
Wer in Statistik „denkt“, hat keine Lust mehr, sich etwas Einzelnes genau anzusehen. Das einzige, was ich aus der Statistik gelernt habe: Sie ist völlig uninteressant – wichtig sind nur die einzelnen Menschen. Wer ihre Probleme und Möglichkeiten studieren will, der studiere einzelne Fälle. Wenn ich zehn nebeneinander stelle, habe ich einigermaßen das Spektrum. Diese Methode ist genauer als jede Statistik.