Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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26. Januar 2005

Ein Traum von Stadt

Ich hatte einen Traum: von der wiedergefundenen Mitte der Stadt. Als ich aufwachte, fragte ich mich, ob eine Stadt einen solchen Traum brauchen könne – und dachte: Ja. Eigentlich ist er realisierbar. Mitten in jeder Stadt – vielleicht in jedem Stadtviertel. Keine neue Bürokratie, aber ein neuer Geist mit neuen Formen des Umgehens miteinander.
Es gibt Kirchen und öffentliche Stätten – einst Orte der Gemeinschaft aller Menschen. Sich dort zu treffen, war so lange einfach, wie alle zumindest so taten, als sei es dasselbe, was sie bewege. Dann atomisierte sich die Gesellschaft, mit guten Gründen. Aber da fehlt Wichtigstes, es wächst das Gefühl: Das, was wir haben, kann es nicht sein, wenn wir an Stadt denken. Was aber?
Ich träumte von einer Stätte, an der unterschiedliche Menschen zusammenkommen und darüber reden, was sie bei allen Unterschieden gemeinsam haben. Die Würde des Menschen. Eine Anzahl Werte. Nicht nur die eigene Sache, sondern unser aller Sache. Was ist das?
Ich stelle mir vor, ein Kreis weiser Menschen jedweden Alters nimmt dies öffentlich in die Hand und moderiert es. Eine neue Aufklärung entsteht. Ein kleiner Bezirk um eine Kirche oder um eine Halle wird mit Licht markiert – also nicht mit einer Mauer, sondern mit dem Medium, das schon immer Aufklärung als „Enlightment“, „Lumieres“ oder „Illuminismo“symbolisierte.
Da muss keiner mehr glauben, alle müssten so sein, wie ein Einzelner es haben will; aber jeder könnte überzeugt sein, dass die Vielfalt etwas Gemeinsames hat. Die Leute, die dies organisieren, grenzen nicht aus, sondern holen zusammen. Sie verstehen sich auf Moderation.
Die unterschiedlichen Einzelnen lernen, nicht ihre Abgrenzungen zu verteidigen, sondern sich zu öffnen, um ihre Unterschiede produktiv zusammenzutun. Einer hilft dem anderen, sich zu entwickeln. – Doch, so etwas gab es einmal, und nicht nur einmal. Die Geschichte kennt immer wieder solche Anläufe: Sokrates, Florenz im 15. Jahrhundert, Luther und seine Freunde – ein Kreis, der nur durch Freundschaft zusammengehalten war. 1907 wurde unter solchen Aspekten der Deutsche Werkbund gegründet. 1968 „Politisches Nachtgebet“ in Köln. Zehn Jahre IBA im Ruhrgebiet – 1989 bis 1999. Es gibt Rückfälle, aber die Vision bleibt. Es gibt ihre öffentlichen Orte, wir können sie lebendig machen.
Eine wirklich öffentliche Stätte: darin findet sich eine Einheit der anregenden Vielheit. Das ist ein Qualitätssprung im menschlichen Bewusstsein: der Geist der Demokratie, der schöpferisch ist. Er braucht seinen konkreten Ort, sichtbar, greifbar, betretbar. Wir haben viele, die darauf warten, dass vitale Moderatoren sie aus ihrer Beschränktheit herausholen: Gemeindehäuser, Kirchen, Rathäuser, Museen, Burgen, Schlösser, Stadthallen. An dieser Vision könnten sich Konfessionen, Parteien, Zünfte neu finden: als eine zeitgemäße Reformation.