Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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25. August 2004

Geld oder Zukunft?

„Ich hab drei Pütts zugemacht“, sagt ein Kumpel in Eisenheim, „wissen Sie, worum es dabei ging?" Er macht eine Bewegung mit den Fingern: „Nur um die Kohle. Die Menschen? Gleichgültig!“ – Ich erlebe nun im vierten Jahrzehnt, dass die Konzerne, die in dieser Landschaft die schönsten Gewinne machten, und die Städte, die von der Industrie lebten, fast keinen Sinn für Erinnerung haben. Wer rettet das Gedächtnis? Als einzige einige Denkmalschützer.
Ein Funkeln in den Augen beim Stichwort Geld, kein Punkein, wo es um Generationen geht, die hier auf- und abgebaut haben. Wenn die Kohle sich zurückzieht, wäre es angemessen, ihr einen „Abschied in Würde“ zu geben.
Möchten die Industrie-Allgewaltigen, dass man ihnen nachruft: „Manager, die keine Menschen kannten, nur Ziffern. Sie raubten die Gegend aus wie Alaska. Sie spielten Kolonie im eigenen Land“?
Das sind Fragen an die Chefs der RAG, an die Chefs von EON, an die Chefs von ThyssenKrupp – und an die Chefs der Städte. Fragen auch an den nächsten Chef der RAG Immobilien, Burkhard Drescher: Der ließ gerade in Sterkrade die Halle abräumen, die 1907 Bruno Möhring und Reinhold Krohn bauten. Sie hätte, wie ich glaube, einen Mythos begründen können: Weltmetropole für transportable Architektur. Wird Drescher auf den riesigen Terrains der RAG so weiter machen?
Als ich 1970 versuchte, im Essener Süden die Krupp-Siedlung Altenhof (1893 von Robert Schmohl) zu retten, fragte ich den damaligen Liegenschaftschef; „Würde sich Alfred Krupp angesichts der geplanten Zerstörung im Grab herumdrehen?“ – Der Manager antwortete: „Alfred Krupp ist Schnee von gestern.“ Und er fügte hinzu: „Sozialklimbim!“ Heute stehen dort einzig zwei alte Häuser.
Immer noch gibt es kein Konzept für die Filet-Stücke der Region: die Siedlungen. Vor allem E.on/Viterra plündert sie aus. Zyniker leben in manchen Chef-Etagen, aber auch unter den Bewohnern von Siedlungen, die sie durch Egomanien zernagen.
Oben und unten brauchen wir Nachdenken. Und mehr Menschen, die sich aktivieren: Damit das Gedächtnis für 150 Jahre ein Wert für eine Zukunft von 150 Jahren wird. Wer kümmert sich mit Qualität um die Bergbau-Kultur? Alfred Schmidt, der 25 Jahre unter Tage zeichnete und einen dramatischen Tod starb, hinterließ einen Bilder-Schatz – aber er ist immer noch nicht in der Hand, in der er seine Bedeutung entfalten könnte.
Das DenkMal! verhindert nirgends eine Modernisierung. Denn das Gedächtnis der großen Geschichte dieser Region nimmt nur einen sehr kleinen Teil der Fläche ein. Es gibt genügend Brachen für Neues.
Die IBA mit Karl Ganser bewies: Nur mit einer menschlichen Haltung, die auch am Gedächtnis trainiert wird, kann man modernisieren. Das Gedächtnis dieser Landschaft speichert das Nachdenken über alles, was uns zukunftsfähig macht. Von nicht kommt nichts, erst recht keine Zukunft.