Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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25. Februar 2004

Mythos Bökelberg

Mönchengladbach – wo liegt das? So fragten vor 40 Jahren noch viele Leute. Eines Tages staunten sie und wussten es: In diesem Mönchengladbach spielte 1964 bis 1975 eine kometenhaft aufgestiegene Mannschaft den hinreißendsten Fußball der Welt. Angeführt vom genialen Trainer Hennes Weisweiler zauberten Netzer, Heynckes, Kleff, Vogts, Bonhof, Wimmer, Jensen, der Flügelflitzer Simonsen. Don Hennes fügte sie zu einem phantastischen Team zusammen – zur „besten stürmenden Mannschaft Europas“ (Liverpools Manager Bill Shankly). Sie holte mehrere deutsche Meisterschaften und den Europa-Pokal.

Grundstücksverwertung plattester Art
Dies geschah an einem Ort, der für viele Menschen eine magische Wirkung hat – bis heute: im Stadion am Bökelberg – dem „ "idealen Fußballstadion überhaupt“ (Horst Dieter Höttges). Nun aber steht zum Umzug ein neues Stadion bereit. Und was fällt den Verantwortlichen in Verein und Stadt zum alten Stadion mit seiner Tradition ein? In der rüden Denkweise der 1960er Jahre soll das Stadion abgerissen werden, auf der unkenntlich gemachten Fläche sind Einfamilienhäuser geplant – also Zerstörung plus Grundstücksverwertung plattester Art.
Für das Gelände gab es einen Architekten-Wettbewerb – unter Ausschluss bester Leute. Der Wettbewerb lieferte wenige Idee und viele Banalitäten. Meine Herren, denken Sie im katholischen Mönchengladbach daran, dass Sie in ein Fegefeuer kommen, wie es Dante beschrieb – für ganz lange Zeit!
Ein Vorschlag zur Güte: Es gibt eine Perspektive, die Zukunft hat. Professor Heinz Döhmen, dem seit seiner Jugend das Stadion vor Augen steht, kam auf eine geniale Idee: Das Spielfeld bleibt. Der Bildhauer Lerche stellt die Choreograhie von Weisweilers Fußballspiel dar – mit Figuren auf dem Rasen. Und die Tribünen werden zu Terrassen-Häusern umgebaut. Was für eine großartige Szenerie!
Das rettet den Ort mit seiner Gestalt – und füllt ihn mit neuem Leben. Dann haben die Bewohner aus den Fenstern und von ihren Terrassen die magische Phantasie von einst. Und die Fans erhalten eine einzigartige Pilger-Stätte, zu der auch von weither die Fußball-Freunde kommen. Das kostet übrigens genau so viel oder sogar weniger als die Banalität von ein paar Einfamilienhäusern. In Schalke wurde das berühmte Stadion der 1930er Jahre unter Denkmalschutz gestellt. Mönchengladbach könnte die Frage positiv beantworten: Ist Fußball mehr als purer Autismus? Ist es Kultur? Der Lohn wäre eine Sensation für das Image der Stadt.