Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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24. November 2004

Mercator lebt noch!

Es ist aufregend, wie ein Stadt-Symbol vor aller Augen an einem seidenen Faden hängt: die Mercator-Halle. Schon tot gesagt, hat sie jetzt wieder eine kleine Chance. Nach der Chaos-Theorie könnte sie gewinnen.
In den 1950er Jahren gestaltete Duisburg sein städtebauliches Herz auf dem Höhepunkt einer Moderne, die auf menschlichen Maßstab, gut begehbare Szenerien, transparente Gestalt setzte. Da gab es die Königstraße, die heute noch die beste Innenstadt-Straße in ganzen Ruhrgebiet ist – unbegreiflich, dass sie schlechtgeredet wird. Die nächste Straße bot die Theater-Fassade und ein historisches Hotel. Das Bindeglied war eine ausgezeichnet gestaltete Frei-Flache und die Mercator-Halle – vorzügliche moderne Architektur.
Da stimmte alles. Auch spätere Bauten im Osten, sogar ein unaufregendes Hochhaus, konnten dieses Ensemble nicht in Gefahr bringen. In Lebensgefahr geriet es erst durch zeittypisch idiotische Ideen, aus der Mode entstanden. Das „Öfter mal was Neues“ mag in der Welt der Kleider harmlos sein, wie tödlich das in der Stadtplanung ist, kann man auch hier sehen.
Da gibt es bei den Propagandisten keinen Gedanken, wie rasch verbraucht die drei vorgestellten banalen Entwurfs-Klischees sind: Der eine baut Kisten - ganz nett als Puppen-Stube, schauderhaft langweilig im Großformat. Der andere legt einen megalomanen riesigen Bogen auf die Fläche – ohne Gefühl für Maßstab und Umgebung. Der dritte baut das Foster-Schiffchen nach, nur großspuriger. Und dann der Stoff für Kabarettisten: das neue Herz der Stadt soll eine Spielbank sein. Was für eine Transplantation! Die Zocker müssen ja nicht gerade die alte Mitte zu Duisburgs Neuer Mitte machen, dafür gibt es andere Plätze.
Vielleicht ist Duisburgs alte Hauptkirche doch nicht zufällig dem Salvator, dem heiligen Retter gewidmet. Tatsache ist, dass es bislang keine Abriss-Genehmigung gibt und diese erst erteilt werden darf, wenn Investor und Stadt einen städtebaulichen Vertrag unterschrieben haben. Das ist die Chance für Stadt und Minister, neu zu starten und für die Sünden Absolution zu erhalten; so sollten sich denn aus Anstand, Verantwortung und einigem mehr die Stadt und der nächststehende Investor einigen: auf die Erhaltung der Halle und über ein Stück weiterer Fläche.
Der vermutliche Investor darf sich, nach dem riesigen Stadion (damit müsste er den Hals wohl voll haben) in Qualität üben. Der Maßstab dafür ist 300 Meter weiter zu besichtigen: Das Lehmbruck-Museum.
Wenn die Stadt etwas auf sich hält, wird sie sich die Zeit nehmen, vernünftig zu überlegen, auf Qualität setzen. Transportiert alle Entscheider zum nahen Maastricht und zu seinem Chefplaner Hans Hoom! Maastricht hat sich von der grauen Maus in zehn Jahren zum Vorbild entwickelt: durch Qualität. Das Maastricht-Kriterium heißt jetzt: In die Mitte der Stadt nicht für ein Jahrhundert lang einen vordergründigen banalen Unsinn in den Schoß werfen. Erschädigt auch seine Umgebung – und noch mehr das Image aller Beteiligten, – ein Image, an dem Duisburg ohnehin substantieller arbeiten müsste: weil da mehr ist, als man es seit langem verschläft.