Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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24. September 2003

Zu schade für Spekulanten

Hans Hanke vom Westfälischen Denkmalamt entdeckte, dass die Baracken-Siedlung in Gerthe am Ostrand von Bochum das vielleicht letzte erhaltene Zwangsarbeiter-Lager in der BRD ist. „Wie kann man dort heute noch wohnen?“, fragen ungläubig einige Leute. Man kann – und sehr gut, wie in einem Dorf – autofrei, ideal für Kinder. Denn vor langen Jahren zogen in diese ungewöhnlichen Häuser Studenten ein. Sie machten daraus ein Wohnungs-Projekt. Manch anderer kam hinzu, jetzt lebt dort eine farbige und friedliche Gesellschaft. Das ist das Glück des historischen Ortes. Nur so lässt er sich gut erhalten.
Dass tief unter den Füßen Altlasten liegen, ist zwar lange bekannt. Dass es sehr wenig und nur punktuell ist, weiß man aus den Gutachten. Jahrzehnte bewegte sich nichts. Niemand kam je zu Schaden.

Lebenswerte Holz-Baracken
Aber die beinharte Grundstücks-Gesellschaft der Stadt Bochum spekuliert irgendwie mit dem Land herum – so recht weiß das niemand – und hat Phantasien im Kopf, die unrealistisch sind: Denn es gibt Terrain im Überfluss. Diese Firma will nun „sanieren“, und das könnte, wenn dieser teure Unsinn nicht abgewehrt wird, so aussehen: Ein Teil der hölzernen Häuser soll abgerissen werden, für eine Deponie für den Altlast-Boden von nebenan, der auch anderswo aufgeschüttet werden kann, ja muss. Ein Plan, dem nun weder das Gedenken an die Zwangsarbeiter noch an die Bewohner heilig ist. Dafür wird ein Wort der IBA missbraucht: „Landschafts-Bauwerk“. Tief sollen die Freiräume zwischen den Häusern ausgekoffert werden, in mieser Erwartung, dass die Holzhäuser zusammenfallen. Die Krokodile grüßen mit Tränen. Kein Gedanke, dass der Skandal Wellen schlägt. Kann Bochum sich's erlauben?

Und das bei all dem Leerstand?
Das Städtebauministerium will diese heuchlerische Sanierung finanzieren – was ist denn in die gefahren? Und eine Einrichtung wie „Startklar“, einst gegründet, um Bürgern gegen Bürokratien zu helfen, moderiert es in seltsamer Weise. Nebenan sollen Genossenschaftswohnungen entstehen. Jetzt, wo so viel leer steht? Angeblich für eine Übergangs-Zeit und mit Rückkehr-Versprechen. Das gab es noch nie. Und: Wer glaubt es?
Da ist einigen Leuten, die einst zu den Aufgeklärten gehörten, offensichtlich der Kopf so durcheinander geraten, dass sie nicht mehr das Einfache denken können: diesen einzigartigen Ort zu respektieren. Setzt ihn rasch unter Denkmalschutz, statt das Verfahren zu verschleppen, bis nach der Sanierung nichts mehr zu schützen ist! Lasst die Bewohner-Gemeinschaft, wo sie lebt! Gebt Spekulanten kein öffentliches Geld – dafür ist es inzwischen zu knapp! Umwelt-Probleme? – Wenn überhaupt, hatte die IBA ein Kriterium: minimaler Eingriff, mal hier ein paar Meter, mal dort.
Das Denkmal kann zeigen: Auf diesem Ort des Leidens schenken die Gequälten den heute Lebenden ein kleines Paradies, um all die zu beschämen, die Leid über Menschen bringen.