Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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24. März 2004

Denk mal mit dem Herzen

In Gelsenkirchen-Buer gibt es eine ans Herz gehende Geschichte, die der städtische Denkmalschutz verstehen müsste – sie könnte ihn stolz machen. Aber ... Als der Bergmann Alfred Konter älter wurde, erhielt er die Aufgabe, eine Schranke der Zechenbahn zu betreuen. Also nistete er sich in dem kleinen Bahnwärter-Häuschen an der Horster Straße ein und füllte Haus und Garten mit allerlei Gestalten. So sahen die Kinder und allmählich auch Touristen „das Grab des letzten Grubenpferdes Ajax“, daneben ein Stollen-Mundloch und vieles mehr. Als das Häuschen in die Fänge des Abrisswahns geriet, kämpfte Alfred Konter auf listige Weise darum – es steht immer noch. Unlängst präsentierte es die RAG in ihrem weitverbreiteten Kalender.

Lernen lässt sich auch vom Bahnwärterhäuschen
Der tüchtige Mann bat um Denkmalschutz. Aber da gibt es einen städtischen Denkmalhüter, der besessen ist von der Vorstellung, bloß kein weiteres Denkmal in der Stadt zu haben. Diese Besessenheit hatte auch die Mehrheits-Fraktion im Rat – und als sie wechselte, übernahm die nächste Mehrheit dieses eigentümliche Verhalten. Aber Alfred Konter kämpft weiter. Sie beißen sich alle die Zähne an ihm aus. Es sind ihm 120 Jahre zu wünschen.
Vor 35 Jahren haben wir die Grundlagen für die Erweiterung des Denkmalschutzes gelegt: über Kirche, Burg und Schloss hinaus. So hat die Region das Glück, dass heute Industrie-Denkmäler von der halben Welt. bereist und bewundert werden. Jetzt wünsche ich mir, dass das Volk auch den Typ des kleinen „Denk Mal!“ bekommt – mit dem Kriterium des kulturanthropologischen Interesses: viele Häuschen, die Menschen ans Herz gewachsen sind.
Eine weitere Reform ist fällig: Denkmalschutz darf keine Seltenheit bezeichnen, sondern muss eine normale Planungs-Dimension werden – als Schutz für Gelungenes. Das hat mit Geld überhaupt nichts zu tun, es gibt schon lange kein Geld mehr für Denkmalschutz. Daher können die Behörden großzügig sein – eine Gratis-Qualität in der Zeit armer öffentlicher Haushalte.
Die Liebe zum „Denk Mal!“ entwickeln viele Menschen, wenn sie auch ihre Welt darin finden. Daher fordere ich nun die Denkmalämter in Gelsenkirchen und ebenso in Münster auf, dieses volkskundlich spannende Bahnwärter-Häuschen unter Schutz zu stellen. Ich füge hinzu: Alfred Konter kann für eine neue Dimension des Denkmal-Schutzes eine Leitfigur sein – eine Art Bruder Klaus für all die Menschen, die etwas Liebgewonnenes auch bewahrt sehen möchten. Dies ist ein Aufruf: Lassen wir doch die Leute auch selbst sich wünschen, was sie erhalten wissen wollen!
Werden die Denkmalämter jetzt ein strenges Behörden-Gesicht aufsetzen? Eine falsche Würde spielen? Einzig Hoheit anerkennen? Lachen sie hochmütig über das Herz von „kleinen Leuten“? Na?