Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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23. Februar 2005

Exotik im Untergrund

Es gibt besondere Orte. Manche sind berühmt, andere kennen nur einige Kundige. Was reizt uns daran? Immer schon gab es menschliche Neugier für das Ungewöhnliche, Bizarre, Groteske – auch oder gerade wenn man es nicht so recht verstand. Unter diesem Aspekt könnte man eine Geschichte des Exotischen schreiben. Exotisches – das gibt es nicht nur in Afrika, sondern auch hierzulande.
Jedes Jahrhundert hatte seine Exotik. Was wir seit langem als so genannte Gotik bewundern, war einmal zum Teil arabisch. Wenn einst die Leute im Norden Europas diese spitzen Bögen in Kirchen und an Fassaden sahen, dachten sie an die südliche Mittelmeer-Seite.
Exotisches hat vor allem die Industrie-Epoche in Fülle produziert. Oft war es nicht die Absicht der Macher, es ergab sich einfach so. Ein spannendes Beispiel für einen ungewöhnlichen Ort finden wir im Duisburger Norden – in Bruckhausen: den Matena-Tunnel. Unter der gigantischen Industrie läuft eine Straße in den Untergrund und kriecht dort einige hundert Meter wie eine Schlange. Dann kommt sie mitten in einem Labyrinth von dicken Rohren wieder ans Tageslicht.
Seine Geschichte: Um 1900 entstanden immer mehr Gleise für die Werkseisenbahn, so dass für die Straße von Bruckhausen nach Alsum die Schranke meist unten blieb. Problemlösung: der Tunnel. Weil oben Hochöfen standen, musste er sich winden.
Dieser Tunnel ruft vielerlei Assoziationen hervor. Daher wurde er ein begehrter Ort für Film-Teams. Und er hat einen Star: Götz George, dem als Schimanski Millionen vor den Femseh-Schirmen folgten.
Als ich neulich vor dem Tunnel stand, war er abgesperrt. Ich fuhr trotzdem hinein, um zu sehen, ob er eingestürzt, vermauert, überflutet oder sonst etwas ist. Da war aber nichts. So fragte ich mich: Warum durfte man jahrzehntelang durchfahren – und jetzt nicht? Ich sah nichts Auffälliges, nur dass irgendwelche Saubermänner Fliesen abgeschlagen hatten. Geht noch, dachte ich, es fehlt nichts Wichtiges, damit kann man leben.
Thyssen sagt, die Stadt sei für Reparaturen zuständig – die Stadt sagt, das sei Sache von Thyssen. Mir liegt auf der Zunge: Erhaltet uns diesen schrägen Ort – wer immer der Eigentümer ist. Ihr seid beide verantwortlich! Der Matena-Tunnel gehört zum Ruhrgebiet.
Besondere Orte sind immer ambivalent. Sie machen das Leben spannend. Andere Länder hätten weniger Probleme mit „marodem Charme“, daran nicht nur Ängste heften, sondern Phantasien – und Humor. Lachend sagte mir ein kluger Mensch: „Der letzte, der einem im Tunnel auflauern wollte, ist längst da unten verhungert.“