Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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22. Dezember 2004

Hoch: mutig oder -mütig?

Psychologen kennen den Zusammenhang: Angst – Aggression – Hochmut. Die Mächtigen präsentierten Jahrhunderte lang manisch ihre Türme wie Boxer ihre Muskeln. – Im mittelalterlichen Florenz, in dem sich ständig die hundert Superreichen und das Volk erbittert stritten, bauten sich die Magnaten Türme: damalige Hochhäuser. Wenn das Volk siegte, riss es sie ab bis auf die Dachhöhe der Häuser: „Als Zeichen des Hochmutes – der Überheblichkeit!“
In San Gimignano stehen sie noch, weil es dort ein Patt zwischen den Hochmütigen und den Demokraten gab. Vorsicht beim touristischen Bewundern! – alle Vordergründe haben Hintergründe.
Als im 20. Jahrhundert das Kapital ganz groß wurde, eignete es sich feudales Machtgehabe an. Sein grobes Zeichen wurde das Hochhaus: Hier bin ich! Die Versicherung. Die Bank. Der Konzern.
Gegenfrage: Wo bin ich – mit meiner Größe von 1,74 m?
Nach wie vor ist das Hochhaus ein Zeichen des Hochmuts, der sich immer mehr industriezeitlich steigert. Seit 130 Jahren: also nichts Neues – wieso wird es als Zukunft vorgestellt?
Wer gibt den Machtprotzen das Recht, Stadtbilder zu versauen, ihnen die Dimension zu nehmen, Städte zum Spielball von Eitelkeiten zu machen? – am Kölner Dom (wie zur Zeit hoch umstritten!) und anderswo, auch in Essen: mit dem banalsten Klotz des Landes, dem Rathaus. Wollen wir damit wirklich repräsentiert werden?
Städte können anders konkurrieren: mit Vernunft, Atmosphäre, Wohlfühlen, Sozialfähigkeit, Bildung, Kommunikation. Davon hätten wir alle etwas – aber doch nicht von Ingenhovens in die Wolken hochgezogener Langeweile, oben drauf mit einem Krönchen.
Im Foto oder im Modell oder meinetwegen in New York sehen Hochhäuser harmlos aus – wie ein Spiel mit Bauklötzen. Aber sind wir Achtjährige? Konkret entstehen vor diesen „Vierkantbolzen“ (Kronawitter) Assoziationen wie der Turmbau zu Babel, Megalopolis, Batman, Spiderman. Gründlich missglückt ist auch das Experiment mit dem Wohnen im Hochhaus. Und: Hat ein Vorstand seine Angestellten gefragt, ob es sie nach hoch oben zieht –zu acht Stunden Arbeit?
Das Hochhaus eine wahnhafte Bau-Form, eine rotzige Höhenjagd. Neuer Weltrekord: in Dubai 580 Meter. Sophistisch wird Symbolismus herbeigeredet: Kunstgeschwätz! In Bonn nimmt der „Post-Hauer“ (man darf an Wildschwein denken) der Jahrhunderte lang berühmten Landschafts-Kulisse des Siebengebirges rücksichtslos die Wirkung – eine Unverschämtheit gegen viele Generationen. Da regt sich die Seele – wie einst in Florenz.
Wo gehen die Leute hin? In Frankfurt nicht zu den Giganten, sondern zum Römer-Platz. Auch in Essen und Düsseldorf. Warum? Auf den Plätzen fühlen sie menschliche Dimension – da haben Bau und Raum mit ihnen zu tun. Und sie sind Mensch unter Menschen. Der Kapital-Hochmut macht uns klein – er stimmt uns eher depressiv, betäubt, handlungsunfähig – das ist das Gegenteil einer „Stadt mit regen Bürgern“.