Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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22. Oktober 2003

Die hohe Kunst
des Kindergartens

Es gibt auch Wunder – man muss nur hinschauen. In Dortmund-Horde steht an der Straße „Aufm Platzchen“ ein Haus, das so belebt ist, wie ich es in meiner Kindheit erträumte. Treppen am Hang. Eine Kette von Zimmern. Szenerie, die immerzu wechselt und überrascht. Skulpturen und Bilder. Ein riesiger Strauß aus frischen Ähren duftet durch alle Räume. An vielen Tischen werken konzentriert zehn Kinder.
Diese „Kinder-Oase“ schuf 1990 Christiane von Königlöw. Ihr privater, staatlich genehmigter Kindergarten kommt ohne Zuschüsse aus. Die Philosophie: „Ich möchte Menschen erleben lassen, wie märchenhaft unsere Welt ist, wenn sie durch die Augen von Kindern gesehen wird. Nach außen gucken – nach innen seilen, das ist die Spiritualität der Kinder.“

Den Alltags-Menschen zurück lassen
Sie nennt ihre Szenerien „poetische Orte“. „Mich faszinierte eine Bogen-Architektur: Hindurchgehend, lasse ich den Alltags-Menschen zurück und komme in ein Märchen.“ Wie im Theater lässt sie die Kinder Rollen spielen. „Ich gebe nur einen Impuls vor, sie brauchen Anregungen, auch zum sozialen Leben – ich bringe die Seele in Schwingung und ziehe mich zurück, denn Kinder sind erfinderisch.“ Unlängst führten die Kinder Goethes Märchen auf, auch mit Rollen für die Eltern. „Beim Malen zeige ich erst Techniken, dann arbeiten sie selbstständig.“ Ihre Bilder lassen sich ausstellen, zur Zeit im Krankenhaus Herdecke.
„Tagtäglich droht Banalität unser Leben zu verflachen, daher schaffen wir öffnende Szenerien. Poetische Orte sind sichtbare Gedichte. Sie richten den Blick auf die Mehrschichtigkeit des Lebens. Sie lassen staunen – das ist der Anfang der Philosophie. Sie rühren nicht aus der Wirklichkeit, sondern in die Wirklichkeit.“
Alte Leute verkauften Christiane von Königslöw für einen fast symbolischen Preis das Haus: damit es einem guten Ziel diene. Die Stadt überließ ihr unweit im Schwerter Wald ein kleines Bach-Tal. Dort sind die Kinder einen Tag in der Woche. „
Ich brauche drinnen und draußen.“ Sie zitiert Hermann Hesse: „Das Wichtigste für mein Leben lernte ich schon vor der Schule.“ Vieles erinnert an den Bauhaus-Meister Johannes Ilten und an die Lebensreform-Bewegung.
Ein Junge malt auf Papier ein Klavier – mit schwarzen und weißen Tasten. Ein Mädchen erzählt an einer Baumwurzel den Zwergen eine Geschichte. Von Königslöw: „Ich werde belehrt von den Kindern.“ Sie sammelt Sätze: „Die Fee kriegt Wasser vom Regenbogen. Da geht der Engel hinüber und schaut sich alles an.“ – „Ich trage die ganze Welt in mir, den Krieg und auch die Engel.“ Kindergarten kann eine liehe Kunst sein.