Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

<< Home

>> Kurz-Vita

>> Lieferbare Bücher

>> Schriften-Verzeichnis

<< Die NRZ Kolumne

22. September 2004

Länge mal Breite mal Geld

An der Friedrichstraße in Essen steht ein riesiges Büro-Haus mit dem bombastischen Namen „Europacenter“ – eines der Gebäude, die die Welt nicht braucht. Denn es ist entworfen nach dem Investoren-Motto „Länge mal Breite mal Geld“. Und weil es so wenig aus sich macht und weil es viel zu viele solcher Häuser gibt, stand es zwei Jahre lang völlig leer. Seit kurzem steht es halb leer.
Auf solchem Niveau würde in München oder Hamburg niemand bauen, weil man dort wenigstens ein bisschen Anspruch ans Aussehen hat. Man kann es hier als Hohn auf die rasche Zufriedenheit in unserer Region lesen: Wollt ihr wirklich nicht mehr? Genügt euch die Banal-Konstruktion? Es könnte vom Essener Rathaus gelernt sein – dieses Beleidigen und Verdorren der Sinne.
Vor allem Sparkassen und Banken sind Vorreiter für diese Art des Umgangs mit Kunden und Öffentlichkeit. Ihre Fassaden haben eine Botschaft: Ihr seid mir egal! Auch die Stadt! Und die Region!
Dabei gibt es in unserer Gegend viele gute Architekten. Aber sie brauchen einen Gestaltungswillen der Auftraggeber, damit ein anspruchsvoller Entwurf eine Chance hat. Oft suchen sich potente Bauherren nicht einmal mehr einen Architekten. Ihnen reicht ein Ingenieur. Das ist ein Mensch, der in seinem Feld gute Arbeit leistet – aber nicht als Architekt: Er verwechselt Konstruktion mit Architektur. Ein Architekt muss ein Psychologe sein. Er muss verstehen, wie man Atmosphäre und Wohlfühlen bilden kann, die Sinne entwickelt, den Geist öffnet.
In Essen gab es einmal ein Wahlversprechen: Die Stadt solle die Position eines Stadtbaumeisters schaffen – eines obersten Entwerfers, der mehr ist als ein lediglich verwaltender Baudezernent, gar aus dem Tiefbau aufgestiegen wie in einigen Städten. Der Kandidat, der diesen guten Gedanken vortrug, stürzte, mit ihm wurde die richtige Idee in die Ablage geschoben. Aber sie ist nicht vergessen.
Der berühmte Architekt Konrad Wachsmann: „Die Langeweile in unseren Städten ist eine Folge der Unzulänglichkeit und Ignoranz der Architekten, eingesparter Gelder und auch der Profithascherei. Ebensoviel Schuld haben aber die Bewohner. Sie gehen für höhere Löhne auf die Straße. Keiner aber kommt auf die Idee, gegen Baubehörden zu protestieren, die unsere Welt der Phantasielosigkeit preisgeben.“
Die Region soll, ehe sie über mancherlei Quantitäten nachdenkt, an Qualitäten arbeiten. Und den Bauverwaltungen könnte ich verraten, wie sie es fertig bringen, banale Entwürfe so lange überarbeiten zu lassen, bis sie sich wenigstens einigermaßen sehen lassen können. Das würde helfen, dass in dieser Region wieder eine Baukultur entsteht. Das gab es nämlich schon mal!
Wenn Investoren auch nur einen Funken von Intelligenz auf ihre Gebäude verwenden, können sie aus einer Erfahrung lernen: Hässlichkeit steht als erstes leer. Der Zynismus hat kein langes Leben. Wir sind mitten in der Abstimmung – mit den Füßen. Hässlichkeit vermietet oder verkauft sich schlecht. Wer Zukunft haben will, muss über Schönheit nachdenken.