Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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22. Januar 2004

Öko vom Allerfeinsten

Die Welt ist leider so, dass das eine auffällt und das andere nicht. Aber man straft sich selbst, wenn man nicht nach dem sucht, was abseits der lauten Markt-Plätze steht. Wahrnehmung muss man entwickeln. – Ich habe mit meiner Entdecker-Freude gerade ein Öko-Dorf gefunden – vom Feinsten. Es steht im Süden von Düsseldorf im Ortsteil Unterbach (Am Langenfeldsbusch). Dort bauten sich 1987–1989 am Hang 30 Familien eine Siedlung – gemeinschaftlich und mit einer außerordentlichen Qualität. Darin stimmt alles, was meist erheblich auseinander driftet: das ökologische Niveau, das soziale, das städtebauliche und vor allem das ästhetische – ein vierblättriges Kleeblatt im Bauen der letzten Jahrzehnte.
Das war damals sehr preiswert. Die Bewohner sind eine interessante Mischung, auch mit vielen Kindern. Hinzu kommt eine ausgezeichnete Infrastruktur: Zwei Parkplätze, gestaltete Wohnwege, ein kleiner intimer Platz, ein gemütliches Gemeinschafts-Haus mit Terrasse für Feste und Jugend-Treffs und als nützliche Zugabe eine kleine Werkstatt.
Die zweigeschossigen, am Hang dreigeschossigen Häuser haben eine Bau-Dichte, die Gebäuden mit sechs Geschossen entspricht. Wie macht man das? Erstens: mit Reihen-Häusern. Zweitens: durch Verzicht auf Straßen;
stattdessen gibt es halb so breite, also flächensparende und zudem selbstgepflasterte Wohnwege. Die Dörfler verwalten eine Anzahl Gemeinsamkeiten selbst. Dafür gaben sie sich Spielregeln. Reihherum amtieren jeweils ein halbes Jahr lang zwei „Bürgermeister“ – wie in toskanischen Städten des Mittelalters.
Die Häuser sind sehr praktisch konzipiert und vor allem ästhetisch – das schafft eine Atmosphäre, in der man spürt, dass es hier eine Lust ist zu leben. Entworfen hat sie der psychologisch großartige Architekt Helmut Rentrop. Jedes Haus besitzt einen Kern, nach vom und nach hinten ausgreifende Flügel. So entstehen am Weg hintereinander kleine Vorhöfe – mit einer transparenten Wintergarten-Zone. An den Wegen und Plätzen setzte er auf Kommunikation – hinter den Häusern auf Privatheit.
Die Reihen-Häuser sind je nach Wohn-Bedarf und Geldbeutel individualisiert:
von 40 bis 240 qm groß. Weil viel Transparenz herrscht, wirken selbst die kleinen Zimmer in den Flügeln nicht klein. Die Fenster sind nicht wie so häufig banal, sondern haben eine Gitternetz-Struktur. Dadurch entstehen unterschiedliche Durchblicke – wie Bilder. Wenn dazu gemalte Bilder kommen, wirkt die Wand durch diesen einfachen Kunst-Griff geradezu surreal.
Dieses Viertel ist eine ausgefächerte Bühnen-Szenerie. Darin stelle man sich Theater vor: das Theater des Alltags, vielleicht im Sommer mal ein professionelles. Von mehreren Gassen assoziiert man Auftritte. Die Schauspieler können in Stationen mit dem Volk durch das Viertel ziehen. Wer gut lebt, lässt leichter auch andere gut leben.