Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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21. April 2004

Der Traum von einem Ort

Frühmorgens lese ich oft eine Viertelstunde Fellini – um zu hören, wie jemand mit Träumen umgeht. Oder eine Viertelstunde Machiavelli – um zu wissen, wie die Mächtigen mit uns umgehen. Ich sage meinen Enkeltöchtern: Von beidem kann man eine Menge wissen.
Heute finde ich in einem Interview-Buch mit Fellini, dem unsterblichen italienischen Film-Regisseur, eine faszinierende Beschreibung: Für seinen Film „Die Stimme des Mondes“ konstruiert er sich eine ganze Welt: „So habe ich das wahre Leben geschaffen – von einem kleinen Ort, und der Film handelt genau von dem Leben dieses Dorfes – nach meiner Vision des Lebens.“
Nicht weit von uns allen gibt es eine ganze Stadt, die wohl in ähnlicher Weise geschaffen wurde: die Margarethenhöhe in Essen. Im Vergleich mit dem Film scheint mir, dass ihr Entwerfer, Georg Metzendorf, sie 1910 – lange vor Fellini – ganz ähnlich erfunden hat. Lassen wir mal die Frage beiseite, wie ihm das gelungen ist, dafür wäre wohl Machiavelli zuständig; ich glaube jedenfalls, dass ihr Kern die Tatsache ist: Metzendorf konnte träumen.
In diesem Traum kann man gut leben, das erfahren tagtäglich viele Menschen, die darin wohnen: Straßen führen auf einem sanften Hügel herauf und herunter, inszenieren die Menschen immerzu in Überraschungen, wenn nach einer Ekke ein neuer Blick entsteht, wenn da drüben die Leute, ohne es vielleicht selbst zu wissen, wie im Theater oder im Film erscheinen, wenn an dem vielgestaltigen Platz mit seinen Rampen und Terrassen Eigentümliches zusammengeführt wird. Da entsteht – mit Fellini – „eine Vibration, eine Vorstellung, das Phantasma einer Idee“.
Wer begreift, wie vieles in unserem Leben Traum ist, der gehört nicht (mehr) zu den Zerstörern dieser Träume. Er glaubt nicht mehr dem Bodenbesitzer und Baudezementen, die mit gutsherrlicher, aber zutiefst ungelenker Geste etwas von einem Nutzen erzählen, der einzig zeigt, dass sie zu tumb sind, diesen Nutzen zu verbinden: mit der Phantasie und mit dem Traum. Denn Menschlichkeit entsteht nicht durch Reduktion, sondern durch Komplexität.
Die Leute, die hierzulande zerstören oder planen und bauen, sollen als Therapie alle mal die Traum-Orte ihres Landes kennen lernen; dann schämen sie sich beim Aufwachen nicht mehr, dass sie geträumt haben. Man kann auch am Tag träumen – und macht dann seine Arbeit tatsächlich erheblich besser: für sich und für andere.