Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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20. August 2003

Ein Gecko im Pförtnerhaus

Es war einmal ein Pförtner-Haus vor der großen Zeche Osterfeld in Oberhausen. Da stand jahrelang ein Kumpel und nickte den Kollegen zu, die zur Schicht nach Untertage gingen – es waren Tausende, er kannte sie alle. Im Schrank hatte er in Flaschen Schnaps – und weil das Feuerwasser untertage für die Indianer verboten war und die Kneipen rundherum allmählich dicht machten, wurde nach der Schicht der Schnaps immer wertvoller.
Dann schlossen Zeche und Kokerei. Es überlebten das Stahl-Fördergerüst, das Steiger-Haus, die beiden Pförtner-Häuschen und die große Kuppel der Kokskohlen-Mischanlage, die übrigens Günter Behnisch, der Architekt des Olympia-Zeltdachs in München, entworfen hatte. Die Internationale Bauausstellung EmscherPark gestaltete das Gelände um: zu einer Landesgartenschau, die dann verstetigt wurde – als Olga-Park.
Darin mache ich, wenn ich zu Hause in Eisenheim bin, nachmittags meinen Spaziergang – und ende oft im Pförtner-Haus. Dort hat Frank Rzempowski, ein junger Mann, dessen Vater lange auf der Zeche arbeitete – auch als Betriebsrat – von dem freundlichen Herrn Schneider das nunmehr städtische Häuschen gepachtet. Mit seiner Frau Anne Große-Segerath machte er eine kleine Gaststätte der besonderen Art auf – inzwischen ist sie ein Geheimtipp. Zudem verkauft das Pärchen mancherlei Boutique-Klamotten und Design-Artikel. Ihr Kennzeichen: Eine Lust an Schönheit, wie man sie in ihrer Generation schon fast aufgegeben hatte.
Wahrzeichen des großen Raumes mit dem Blick auf den mächtigen Gasometer ist eine Eidechse – auf Spanisch heißt er Gecko. Die beiden jungen Leute lieben die Insel Formentera, und so breiten sie hier eine Dependence davon aus.
In der Region ist das „Gecko“ einer der atmosphärischen Orte. Hier ist alles einen Tick mehr als woanders: die Form und der Inhalt der Tasse Kaffee, das viereckige Gedeck und was immer. Alles hat eine kleine Besonderheit, einen liebevollen Touch, ein Extra.

Was mancher braucht, das ist Kredit
Sich hier eine Existenz zu schaffen, war ein harter Weg für die beiden jungen Leute. Kein einfaches „Go!“ – denn die Banken, die wenig Lust haben, etwas zu verstehen, vereinbarten Basel II – eine Richtschnur, nach der fast nur noch jemand einen Kredit bekommt, wenn er ihn nicht braucht. So zog sogar die Sparkasse ihren Kredit zurück, sie traute den beiden keine zwei Tassen Kaffee-Ausschank zu; aber das junge Paar reagierte trotzig und energisch und die Familie sprang ein. Inzwischen hat sich das Pförtner-Häuschen zum Treffpunkt einer Szene von interessanten Leuten entwickelt.