Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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19. Januar 2005

Wert nur durch Schönheit

Jahrhunderte lang war es Sitte, dass in der Stadt jeder Bürger, der ein Haus besaß, sich seinen Mitbürgern ordentlich präsentierte. Sie hätten ihn schief angesehen, wenn er sich erlaubt hätte, das Gesicht seines Hauses unansehbar zu machen. Als sich um 1870 das Hypothekenwesen ausbreitete, knüpften Banken und Sparkassen an die Kreditvergabe eine folgenreiche Bedingung: Das Haus, das gebaut werden sollte, musste eine schöne Fassade erhalten. Denn nur durch Schönheit würde es seinen beliehenen Wert behalten. So entstand um 1900 eine Ästhetik-Bewegung in den Städten. Wir genießen heute, was Krieg und Kommunal-Kahlschlag überlebte.
In den 1920er Jahren gaben Architekten vielen neuen Häusern ein anderes Gesicht unter avantgardistischen Einflüssen aus Holland, Berlin und dem Bauhaus in Dessau. Wer dies gut verstand, schuf ebenfalls ansehnliche Fassaden.
Nach der furchtbaren Bomben-Zerstörung von Teilen unserer Städte war das Geringste recht, um Dächer über den Köpfen zu scharfen. Der Minimalismus des Krieges wirkte lange nach, manchmal bis heute. Das simple Konzept „Wand mit Löchern“ wurde ideologisch verbrämt: als „neue Sachlichkeit“. Irrtum: Sich auf das Bauhaus zu berufen; dieses besaß eine große Phantasie des Einfachen und des räumlich Interessanten.
„Was der Krieg nicht zerstörte, zerstört die Sanierung“ (Josef Lehmbrock) – der Bauwirtschafts-Funktionalismus im Verbund mit gefälligen Räten und Verwaltungen räumte bedenkenlos ab „für eine bessere Zukunft“. Ihre gähnende Langeweile erleben wir schon seit langem; einen Teil davon will heute keiner mehr haben, allein in Essen stehen 13.500 Wohnungen leer.
In diesem Prozess kamen Bauherren und Architekten im Anspruch herunter, allerdings nicht mit ihren Mietpreisen. Architekten wurden banal:
Schubladen-Entwerfer. Oder Ingenieure ersetzten sie. Selten leistete sich eine Wohnungsgesellschaft einen guten Entwerfer – im Gegensatz zu den Jahren von 1870 bis 1930.
Was aber einen wirklichen Architekten ausmacht, kann man an einem kleinen Projekt in Mülheim-Saarn sehen. In der Hauptstraße hatte Gunvar Blanck die Aufgabe, für ein paar Geschäfte Läden zu bauen. Ein banaler Kollege wäre in die Höhe gegangen und hätte erbarmungslos einen Klotz in die Straße gesetzt, die von zweigeschossigen Fachwerkhäusern geprägt ist. Findig nutzte der Architekt die Baulücke. In diesen Raum geht man jetzt hinein und gelangt unmittelbar zu zwei hintereinander gestaffelten runden Plätzen – ein überraschender Einfall. Vor den eingeschossigen Geschäften: Arkaden. Dazwischen: ein kleiner Garten Eden – ein bisschen Paradies in der Stadt.
Im Sommer dehnt sich hier hinein ein italienisches Lokal aus, auch als Biergarten. Wie angenehm und schön! Die Dimension des Menschen, die eben nicht abstrakt und gigantoman ist, ist umhüllt von einem öffentlichen Raum, der ihr entspricht. Der Ingenieur hat seinen Wert als Konstrukteur, aber ein guter Architekt versteht mehr: Er kann psychologisch entwerfen – dafür brauchen wir ihn – erneut.