Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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18. August 2004

Grass und andere Andere

Man weiß schon lange, dass der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass auch ein hervorragender Zeichner ist. Aber die Kunstgeschichte dachte nicht daran, ihn wahrzunehmen. So ähnlich geht es vielen anderen, Wolfgang Meisenheimer zum Beispiel. Er ist ein bedeutender Architekt und Architektur-Professor in Düsseldorf, Schriftsteller, Bildhauer und Maler. Wahrgenommen wurde seine Architektur, nicht aber seine Bildhauerei und Malerei.
Das liegt am Zunft-Blick der Wissenschaft. Und an der Beschränktheit des Kunsthandels. Beide haben klar begrenzte Schubladen, in die der Sachverhalt reinpassen muss – alles weitere ist offenbar viel zu anstrengend. Aber die Bequemlichkeit kann nicht das Gesetz der Sache sein, schon gar nicht in der Wissenschaft.
Die Ausnahmen sind selten. Es gibt einen Menschen, der über 500 Jahre alt ist, geschmückt mit einem magisch gewordenen Namen: Leonardo da Vinci. Er bekam den Stempel Universal-Genie – und alle gucken hin. Aber schon beim Kollegen Michelangelo reichte der Blick nicht mehr, um mehr als Bilder und Plastiken wahrzunehmen – dabei war er einer der glänzendsten Literaten seiner Zeit.
Der Maler Lucas Cranach, der die Bilder-Welt des Protestantismus entwarf, ist bislang nicht als Designer entdeckt – mit der umfangreichsten und facettenreichsten Werkstatt seiner Zeit. Die Schublade ist ein schlechter Maßstab. Sie verstellt eher den Blick als dass sie ihn öffnete.
So wie die Ludwig Galerie im Schloss Oberhausen, wird im Herbst auch das Schloss in Moers Günter Grass aus der Zunft-Schublade ziehen: Ausstellungen, die unser Bild vom künstlerischen Schaffen des Literaten erweitern. An den Bildern und Plastiken des Nobelpreisträgers lässt sich noch etwas lernen. Der visuelle Künstler Günter Grass scherte sich nie auch nur einen Deut um die wechselnden Moden, die von der Kunstgeschichte und vom Kunsthandel hochritualisiert werden zu Stilen. Ihn interessierten die Sachverhalte. Die jahrzehntelange Arbeit des Zeichners und Bildhauers Grass besteht darin, diese Themen darzustellen, und zwar mit hoher Intensität.
Am Beispiel von Günter Grass kann Kunstgeschichte lernen, eine erheblich modifizierte Geschichte zu schreiben. Und der Kunsthandel mag nachdenken, wenn er denn mehr sein will als bloßes Geschäft: darüber, wie er üben könnte, anders mit vielem umzugehen.