Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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18. März 2004

Sterkrade, die Weltmetropole

Dramatischer geht's nicht. Die Großstadt Sterkrade wurde 1929 nach Oberhausen eingemeindet – und war dann nur noch Verlierer. Die GHH verlegte ihren Firmen-Sitz nach München – und Sterkrade verlor Zigtausende Arbeitsplätze. Heute breitet sich in der Stadtmitte eine Brache aus. Aber Sterkrade war eine Weltmetropole: für eine Revolution im Bauwesen – für die „Transportable Architektur“. Berühmte Baumeister aus aller Welt entwarfen – und arbeiteten mit berühmten Konstrukteuren zusammen. In Sterkrade wurden die Teile konzipiert und passgenau angefertigt – auf Eisenbahn und Schiff gesetzt – und woanders aufgebaut. In Sterkrade entstand Welt-Architektur: Die größten Brücken über die Ströme Europas. Die weitesten Hallen für Bahnhöfe (Frankfurt) und für Ausstellungen (Dortmund-Bövinghausen, Universität Mexiko), die Schwebebahn in Wuppertal und weitere „Eiffeltürme“ dieser Zeit.
Davon ist viel erhalten und steht unter Denkmalschutz – in aller Welt. Aber es wäre grotesk, wenn ausgerechnet in der Metropole dieser Weltarchitektur einzig erhalten bliebe: ein (versteckter) Friedhof. Sterkrade – ein Feld für Kabarettisten? Oder?
Letzte Chance: Es steht noch eine einzige Halle an markanter Stelle in der Stadtmitte. Der Bürger Peter Rozek entdeckte im Archiv, von wem sie stammt: vom genialen Konstrukteur Reinhold Krohn, dem Chef-Denker dieser Metropole und von einem der berühmtesten Architekten des 20. Jahrhunderts, von Bruno Möhring in Berlin.
An der Halle lässt sich symbolisch und anschaulich ein zentrales Thema der Industrie-Epoche zeigen: Technik und Schönheit. Zur selben Zeit wurde für dasselbe Thema 1907 der Deutsche Werkbund gegründet. Bruno Möhring war einer der Gründer. Das Thema ist heute so brisant wie damals.
Die Ikone kostet nichts weiter als das Stehen lassen der Halle – wie im Landschaftspark Duisburg Nord, als „langsamer Verfall“ – das dauert 80 Jahre, so wird die Halle uns alle überleben. Nutzung: am einfachsten als Park-Fläche, oder zum eingeschossigen Einbau, oder als überdachte Fläche für Skulpturen – das genügt. Wenn die Ikone erhalten wird, kann sich daran ein Mythos und eine Vision entwickeln. Für Sterkrade, für Gesamt-Oberhausen, für die Region. Für die Stadtentwicklung, für die Stadt-Perspektive, für die Stadt-Zukunft.
Die Vision ist ein Paradigmen-Wechsel in der Denkmalpflege. Baudenkmäler sind keine Störenfriede; wenn wir damit Stadtmarketing machen (davon sind wir leider noch entfernt) ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Das bringt Glanz und ist nützlich – in vielerlei Hinsicht: Man gibt uns danach, wie wir daher kommen – fragt sich nur, ob mit dem Friedhof oder mit dem Mythos?
Peter Pachnicke, dem Oberhausen die großartige und unter mehreren Aspekten außerordentlich wirksame Ausstellung zur Entdeckung und Bewusstmachung der „Park-Stadt Oberhausen“ verdankt, könnte 2005 im Schloss Oberhausen eine ebenso impulsreiche Ausstellung machen: zur „Weltmetropole von Technik und Kunst“ – für die intelligentesten und kunstvollsten Produkte dieses Landes. – Jetzt ist nicht eiskalte Technokratie, jetzt sind Seele und Geist der Region herausgefordert: Wenn ein Sterntaler vom Himmel fällt, muss man die Schürze ausbreiten.