Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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18. Februar 2004

Aus den Ruinen ließe sich lernen

Mit den Kollegen Egon Tempel und Erich Schneider-Weßling erlebte ich 1970 den großen Architekten Richard Neutra: eine ganze Woche (es war die letzte vor seinem überraschenden Tod) diskutierten wir über menschliche Architektur, unter anderem in zwei Häusern, die er in Wuppertal gebaut hatte.
Jetzt dachten Egon Tempel und ich lange über die Weltausstellung 2000 in Hannover nach: Sie wurde gegen die Mehrheit der Bevölkerung hochgezogen, war ein Flop – vor allem ist das Gelände heute so etwas wie eine Ruine. So
vergeht der Ruhm der Welt.

Projekte einfach mal durchrechnen
Aber hochgemotzte Projekte gibt es wie Sand am Meer. Das arme Mülheim, das nicht mal seinen aberwitzig verfallenen Bahnhof auf die Reihe kriegt, streut den Leuten Nebel- und Feuerwerk um die Köpfe mit einem Projekt, das den schwülstigen Titel „Ruhrbania“ trägt. Städte übertreffen sich auf diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten in einer aberwitzigen Konkurrenz.
Keine Rede davon, dass solche Blasen auch nur ansatzweise mal durchgerechnet werden – das Mindeste an Erfordernis in einer Gesellschaft, die uns schon bei Kleinigkeiten der Unwirtschaftlichkeit zeiht. Im Flug solcher glanz-verklärten Wolken gilt kein kaufmännisches Argument mehr. Aus den Ruinen ließe sich lernen – wir haben diese Hoffnung. Noch mehr: Es ließen sich echte Alternativen entwickeln.
Ich habe mal dem früheren Ministerpräsidenten Wolfgang Clement vorgeschlagen, die Menschlichkeit und Vernünftigkeit dieses Landes (die es gibt, wenn man sich nicht vom Glamour blenden lässt, sondern genau hinguckt) auf der Weltausstellung vorzustellen.
Das wäre doch etwas, Ihr Herren Steinbrück und Vesper! Ich spreche mit Menschen aus aller Welt und sie sehen mehr als die feuerwerkenden Illusionisten an Rhein, Ruhr und Emscher – sie bewundern sehr Vieles, was hier verständig gemacht wird. Dies lohnt das Darstellen.
Das wird den Leuten, die in der Arbeits-Ebene von Ämtern redlich und verständig ihre tägliche Arbeit machen, gut tun. Es wird sie bestärken: an vernünftiger Menschlichkeit zu arbeiten.
Nun werden die Feuerwerker sagen, dass dies keinen weltumspannenden Eindruck macht, im Globalisierungs-Wettstreit (wieder eine leere Phrase) nicht wirkt. Genau hingeguckt, sind jedoch die Blasen so rasch vergessen wie das Feuerwerk. Aber Menschlichkeit bildet eine bleibende Struktur. Das muss man nur kommunizieren: menschlich vernünftig. Verzichtet doch mal auf die Blasenreißer und setzt wirkliche Kommunikation in Gang! Belohnt die, die es verdienen, statt die Karusselle der Eitelkeiten zu bedienen.
Übrigens: Die IBA Emscher Park arbeitete mit dieser Philosophie – wunderbar und erfolgreich. Die Regierenden haben sie anscheinend längst abgehakt, statt sie aller Welt vorzuzeigen.