Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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17. November 2004

Hier ist ein Lob am Platz

Das Gute liegt oft nicht weit entfernt. Wenn man in der Lage ist, seinen Blick neugierig und frisch zu machen, findet man in dieser Region Erstaunliches. Wir können erleben, wie es wohltuend ist, in einer kleinen Stadt zu sein - mit einem ruhigen Pulsschlag der Zeit.
Nach Kevelaer reiste man wegen der Wallfahrt, die eine Stätte der Hoffnung schuf. Man kann es aber auch tun, um dort eine eigentümliche Weise von Platz und Straße zu erleben, die es in dieser Dichte im Rheinland sonst nicht gibt. Hier lässt sich ein Lebens-Gefühl genießen, das nicht durch Planung entstand, sondern durch ein glückliches Zusammenkommen von allerlei Wägbarem und Unwägbarem. Und durch die Überschichtung von Spuren aus unterschiedlichen Epochen – ein Lehrbeispiel gegen Puristen und Saubermänner.
Der Platz ist ein Beispiel dafür, dass nichts Großartiges geschehen muss, damit eine Atmosphäre entsteht. Am Anfang gab es in der Heide einen Dorf-Anger, eine Wiese mit ein paar Bäumen. In der langen Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges bringt der weit reisende Hausierer Hendrick Busman 1642 einen kleinen Kupfer-Stich mit: Er zeigt gepeinigten Menschen eine sorgende Mutter - Maria mit ihrem Kind. Sie bauen dafür ein Häuschen: eine Kapelle. Die Bäume wachsen hoch, greifen nun weit aus, bilden ein Schutzdach für Pilger gegen Sonne und Regen -eine einfache und wirksame Choreographie im Platz. Drumherum stehen völlig unterschiedliche Fassaden: Sie fassen den Raum ein.
Da gibt es nichts Erzwungenes – die teils einfachen, teils noblen Fassaden stehen genau so lässig da wie die Bäume. Das alles hat beinahe labyrinthischen Charakter – das Gefühl, dass wir an den Seiten dieses vieleckigen Bereichs auch weiter gehen können. Tatsächlich kommen wir in spannende Areale. In den Hof der Kirche, der wie ein Innenraum wirkt. Und wenn wir aus Neugier die Marien-Basilika (1858/1864) betreten, geraten wir durch ihre völlig erhaltene Ausmalung (1891) in eine Phantasmagorie:
Sie beschwört das Mittelalter von Paris und Siena – so erscheint uns die farbige Szenerie fern – aber das Feme hat eine so starke Faszination, dass es in die Nähe rückt. Selten habe ich Geschichte so nah erfahren.
Der Reiz dieses Ortes, der sowohl Baumplatz wie Steinplatz ist, besteht in seinem Gewebe. Es entstand aus vielem, was langsam wuchs, zueinander wuchs, eines wurde das Echo des anderen, ein Zusammenspiel. Das Einzelne entstand nicht einzig für sich, sondern es hat – neben dem Eigenen – auch eine Sprache zum anderen.
Man kann daraus lernen: Gewebe ist etwas, das man wachsen lassen muss, wo ein kluger Planer mit wenig Eingriff, aber geschickt das bestehende Potenzial fördert. Gewebe ist keine Addition, sondern eine Synthese. Kein Entweder-Oder, sondern ein Und-Und.
Dieser eigentümliche Platz erscheint in keinem Lehrbuch der Stadtplanung. Aber er zeigt, was dort aufgenommen werden soll, weil es zu den Facetten der Stadt gehört.