Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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17. September 2003

Minimalismus nach Plan

Kaufleute sprechen von einer „guten Adresse“. Aber sie ist schwer zu bekommen. Warum?
Schlechter geplant als die Gewerbe-Viertel ist kaum etwas in unseren Städten. Straße plus Parzelle. Meist endet der Schönheitssinn bei Anzug, Schreibtisch und Auto. Ansonsten ist das Minimum gerade recht. Das steht einem Land schlecht an, das stolz sein müsste auf seine Industrie- und Dienstleistungsproduktion. In der Schweiz sieht es weit besser aus – weil man das so will. Die IBA Emscher Park hat ausgezeichnete Beispiele geschaffen:
Die Zeche Erin zum Beispiel in Castrop-Rauxel und Waltrop.
Westlich der Altstadt von Essen breitete sich das Terrain der berühmten Krupp-Fabrik aus – mehrfach größer als die alte Stadt. Bomben verwüsteten es, danach drehte es der Strukturwandel um. Ein funktionierendes Gebiet für vielerlei Gewerbe entstand. Aber eine „gute Adresse“ ist es nicht. Warum?
Weil die Chancen, die der Mythos des Ortes bietet, völlig ignoriert werden. Ästhetischer Zynismus gegen die Mitwelt hat mit Intelligenz nichts zu tun. Minimal-Mentalität!
Der alte Krupp hatte Achtung vor seinen Leuten, daher sorgte er dafür, dass sie eine Umwelt bekamen, die sich sehen lassen konnte. Auf diesem Terrain standen einst eine interessante Industrie-Architektur und gut geplante Siedlungen. Auch dafür wurde Krupp berühmt. Oft widersprach er seiner Bau-Abteilung, wenn sie vom Minimalismus infiziert war.
Wer heute hinkommt, erfährt nichts. Er findet das versteckte Stammhaus von Krupp nur mit detektivischem Spürsinn. Das ebenso monumentale wie vernachlässigte Gießer-Denkmal ist kaum sichtbar. Das Gelände ist umgekrempelt, das bringt der Lauf der Zeiten – aber es könnten Spuren da sein! Zumindest sollte auf Tafeln erklärt werden, was es hier gab. Hinter Straßennamen wie Westendstraße, Schederhofstraße, Grusonstraße Schmiedestraße verbergen sich hochinteressante Geschichten Wo stand der weltberühmte „Hammer Fritz“? Wo das „Gartenhaus“?
Dieses Gebiet war einmal das „Heilige Land“der industriellen Entwicklung in der Mitte Europas. Das ist viel wert: eine bessere Planung, Architektur, Tafeln – mit gut lesbarer, spannender Erklärung und Bildern. Die Chance heißt:
Nachbesserung. Gezielt Alleen anlegen und erfahrbar machen, was dieser Boden bedeutet. Stadtwerbung für Gewerbe-Standorte wird überall absurd, wenn sie nur Kraut und Rüben bietet – und das Geist-Kapital, das es am Ort gab, ignoriert Auf denn!