Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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16. Februar 2005

Die Ökologie der Bilder

Bilder werden auf Reisen .geschickt, weil die Ziffern der Ausstellungs-Besucher beeindrucken. Sie folgen dem cartesianischen Wunsch, den Gipfel der Möglichkeiten in Zahlen auszudrücken – wie in sportlichen Wettkämpfen, lesbar als Rekorde.
Menschen werden von berühmten Malern wie Rembrandt und Vermeer angelockt, an deren Werbe-Image Jahrhunderte gebastelt haben. Jetzt arbeitet der Zeit-Geist mächtig mit den Schätzen der Vergangenheit. Klaus Schutz, Direktor der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien, erklärt diesen Vorgang so: „Heute neigen Regierungen dazu, ihren Museen zu sagen:
Geht auf den Markt und spielt dort Geld ein!“
Können die Bilder, die oft zu den größten Werken der Menschheit zählen, solche Reisen genauso einfach machen wie Menschen oder Waren? Die Veranstalter behaupten: Wir haben alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Aber selbst mit den sorgfältigsten Transporten, so der Wiener Experte, sind gravierende Probleme unlösbar. Sie liegen in den Mikrostrukturen der Bildern, die sich durch Temperaturen, Luftfeuchtigkeit und Licht verändern. Das hat Einfluss auf das Leben der Bakterien, die im Natur-Prozess jedes Bildes wirksam sind. Ganz schwierig: die Kontrolle der Schimmel-Bildung. Von einer solchen Ökologie der Bilder spricht bislang fast niemand.
Sind schon die normalen Probleme im Museum schwierig handhabbar, verdoppeln sie sich auf den Reisen der Bilder. Hinzu kommt: selbst beim achtsamsten Transportieren sind mechanische Erschütterungen nicht vermeidbar. Dies führt zur Kern-Frage: Warum müssen Bilder überhaupt reisen? Einfachste Antwort: Heute ist das leicht möglich. Aber selten wird gegengefragt: Wenn es die Reise-Möglichkeiten gibt, können doch auch die Menschen zu den Bildern reisen.
Klaus Schutz sieht eine Parallele zur Ausbeutung der natürlichen Ressourcen. Ähnlich wie in den ökologischen Fragen zeigt sich auch im Umgang mit den Bildern dieselbe Ungeniertheit, aus Geldgier die Gegenwart hemmungslos zu vernutzen – um den Preis der Zukunft.
Kunstgeschichte ist Vorwand – das wirkliche Ziel zeigt beispielhaft eine Vermeer-Ausstellung in Den Haag. Dafür ließ das Museum den See um das Mauritshuis von einem riesigen Bier-Zelt überdecken. Der stille Vermeer wurde für den lauten Rummel eines Jahrmarktes missbraucht. Städte organisieren diesen Tourismus, um einen Geld-Strom anzulocken. Erkennbar: Sinn, Erfolg und Nachhaltigkeit sind nicht immer dasselbe. Aber wie hoch ist der Preis, den die nächsten Generationen für Reise-Ausstellungen auch an Rhein und Ruhr zahlen müssen?