Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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15. Dezember 2004

Die „Platte“ gibt's auch bei uns

In den 1960er Jahren wurden von großen Wohnungsgesellschaften unter Mithilfe von Politik und Verwaltung halbe Stadtviertel abgerissen und viele Leute in Hochhäuser gezwungen. Dorthin wären sie nie gezogen, hätten sie in der damaligen Wohnungsnot eine Alternative gehabt. Wie viel Lug und Trug hinter dieser Städtebau- und Wohnungspolitik stand, zeigte exemplarisch der Fall des Großspekulanten Kun in Moers und Homberg – mit Verflechtungen bis oben hin und am Ende Knast für kommunale Verwalter. Man mag auch anderswo an Ähnliches denken -da ging es mit großen Scheinen großzügig zu, denn Bauen war ein riesiges Geschält. Geschäft – vor allem mit öffentlichen Mitteln.
Hochhäuser zum Wohnen? Längst gibt es genug Alternativen, kaum einer will da noch einziehen. Die großen Eigentümer wirtschafteten sie durch Geiz an Pflege, Hausmeistern, Reparaturen, dank fehlendem Belegungs-Management und durch Zupacken beim Einkassieren erbarmungslos herunter. So haben sie Leerstand bis zu 40 Prozent, verursachen Kosten und spielen Verluste ein. Die „Platte“ gab und gibt es auch bei uns. Die Volksabstimmung mit dem Umzugswagen ist natürlich nicht gut für die Firmenkasse.
Aber was ist in den grünen Minister Vesper gefahren! Ausgerechnet denen, die mit den Wohnhochhäusern ihr Geschäft machten, gibt er ausgerechnet aus seinem geschrumpften Budget Geld, damit sie sie „zurückbauen“ – einige Etagen abreißen. Geld ausgerechnet für die, die nun wirklich nichts verdienen, weil sie viel zu viel verdient haben. Vesper greift dem jahrzehntelangen Zynismus finanziell unter die Arme, jetzt, wo die Zyniker in Schwierigkeit geraten sind. Sollen sie die Strafe für ihre Sünden selbst ausbaden! Man kann auch nicht feststellen, dass sie gelernt haben. Daher wäre es gerecht, sie schmoren zu lassen, wo es weh tut. Das ist vielleicht die einzige Chance, dass sich in den Führungen dieser Gesellschaften ein anderer Sinn als der für Geld ausbreitet. Denn die Aufwertungsplanungen für die Hochhäuser sind ärmlich – es geht um neuerliche Augenwischerei, aber nicht um substanzielles Handeln.
Die Bürgerinitiativen an der Wiege der Grünen kämpften seit den 1970er Jahren gegen die „Käfighaltung für Menschen“ – aber Minister Vesper scheint für die Geschichte der grünen Bewegung kein Gedächtnis zu haben. Man darf sich über nichts mehr wundem – ein Realissimo überholt die Liberalen. Staatsknete für Zyniker – kann das grüner Städtebau sein?
Andererseits lässt Vesper zu, dass dieselben Wohnungsfirmen die Filetstücke des Ruhrgebietes, die Garten-Siedlungen, verantwortungslos herunter ruinieren: durch Mangel an Pflege und durch Herzlosigkeit. Was da städtebaulich, architektonisch und kulturell zu Bruch geht – ich würde es ihm gerne zeigen. Er sollte hingucken und sich beherzt einmischen.