Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

<< Home

>> Kurz-Vita

>> Lieferbare Bücher

>> Schriften-Verzeichnis

<< Die NRZ Kolumne

15. Oktober 2003

Die Sackgasse als Ausweg

So manche glückliche Kindheit beginnt am Ende einer Sackgasse. Dieses Glück haben meine Enkel, Dario in Aachen, Lina und Anna in Berlin: Vor der Tür ist es ruhig – in Sackgassen.
Dorthin müssten wir die vernagelten Beton-Köpfe schicken, denen immer noch die 1960er Jahre mit der brutalen Allmacht der Autos im Kopf haften, ihnen eine halbe Stunde Schweigen gebieten und sie schauen lassen, was die Kinder am Nachmittag spielen und wie gelassen die Leute sind. Dann sollten sie drei Nächte Probe schlafen, um zu fühlen, welche Wohltat die nächtliche Ruhe ist.
Psychologen und Lehrer beklagen, dass immer mehr Kinder an Bewegungs-Mangel leiden. Und nicht nur dies: Es werden ihnen auch wichtige Erfahrungen im Umfeld ihrer Wohnungen vorenthalten, – weil ihre Umgebung gnadenlos von Autos beherrscht wird.
Seit 20 Jahren verhindert ein Partei-Fürst des Stadtbezirks in der Verwaltung, dass die berühmte Siedlung Eisenheim in Oberhausen Sack-Gassen erhält. Dort (ebenso wie anderswo) missbrauchen einige Autofahrer die Wohnstraßen, um zwei Ampeln zu umgehen oder um einige hundert Meter abzukürzen. Die Ämter sehen nur die Verkehrs-Häufigkeit, aber sie sind blind für das Entscheidende: die Verkehrs-Qualität. Von morgens um 4 bis nachts um 24 Uhr brettern sie über das schöne Kopfstein-Pflaster, das einmal in Erwartung einer vernünftigen Losung angelegt wurde – und vor allem als Beitrag zur Schönheit der Siedlung. Haben Bleifüße das Recht, Lebens-Qualitäten zu zerstören
Die Polizeipräsidentin, Mutter von drei Kindern, wurde gebeten, einen vorbeugenden Impuls in die Verkehrsplanung zu geben, statt verletzte Kinder zu registrieren. Aber dort denkt man ebenfalls noch in den 1960er Jahren – unbewegt nach Jahrzehnten. Verkehr wird nur aus sich selbst heraus beurteilt und gelenkt.
Aber er muss doch ausbalanciert werden – mit Lebens-Qualitäten!
Wenn in den Städten das Geld knapp geworden ist, wird es Zeit, darüber nachzudenken, welche Lebens-Qualitäten man ohne Geld schaffen kann. Dazu gehört die Sackgasse.
In einigen Stunden kann man den Stadtplan durchgehen und die Straßen markieren, die dies werden können – jede vierte. Vorschlag: Wer von 80 Prozent der Anwohner Unterschriften bringt, ist dabei. Längere Wohnstraßen lassen sich in der Mitte abteilen. Die Bewohner könnten für die drei Pfähle und das Verkehrsschild Geld sammeln.
Wie viele Lebens-Qualitäten lassen sich mit Sackgassen schaffen! Es braucht lediglich die soziale Phantasie (Robert Jungk) von Planem und politischen Gremien. Jetzt ist Strukturwandel in den Köpfen nötig.