Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

<< Home

>> Kurz-Vita

>> Lieferbare Bücher

>> Schriften-Verzeichnis

<< Die NRZ Kolumne

14. April 2004

Klever sein in Hünxe

Spannend in den Sanddünen der Lippe steht zwischen Gahlen und Hünxe der Herrensitz Gartrop: eine holländische Baugestalt, umgeben von einem englischen Garten und dem typischen Gefüge von Wassermühle, Amtshaus, Landarbeiter-Wohnungen und Pacht-Höfen. Weil es keine Information gibt, kann man nicht ahnen, dass sich hier eine große und dramatische Geschichte abgespielt hat: Lange Zeit wollen die Niederrheiner eine von den vereinigten niederländischen Provinzen werden.
1609 werden Kleve und Mark dem Land Brandenburg zugesprochen – aber nur provisorisch. Juristisch erhält Brandenburg das Land nie.
Ein Jahrhundert lang sind die klevischen Stände entschlossen, keine brandenburgische Herrschaft anzuerkennen bzw. sie abzuschütteln. Der Niederrhein orientierte sich seit Jahrhunderten am Rhein – am stärksten stromabwärts. Der Osten war ihm völlig fremd. Die Länder liegen weit auseinander.
Brandenburgs Herrschaft wird als Joch empfunden. Kurfürst Friedrich Wilhelm betreibt eine Politik der nackten Gewalt. Die Landstände verweigern ihm die Steuern, mit denen er Söldner finanziert, – der Kurfürst lässt sie mit brutaler Gewalt eintreiben. Er führt seine berüchtigten Zwangs-Erhebungen zum Kriegs-Dienst ein. Nie zuvor hatten die Klever Herzöge Söldner geworben, die Verteidigung des Landes war Aufgabe der Stände. Viele junge Leute, die von den Eltern – Bauern, Handwerker, Händler – gebraucht werden, fliehen. über die Grenze.
Standhafter klevischer Verhandlungs-Führer ist der Vorsitzende der Klevischen Landstände, Kammerpräsident Albert Gisbert von Hüchtenbruch. Er wohnt im Haus Gartrop. Seinen Neubau lässt er sich – eine Symbolhandlung – vom niederländischen Baumeister Paul Peel entwerfen. In Gesprächen zeigt der Kurfürst eine brutale und einschüchternde Gewalt-Mentalität: Rechts-Bruch über Rechts-Bruch. Er vergibt Lehen ohne die Mitwirkung der Stände.
Dann geschieht ein Familien-Drama: Hinter dem Rücken des Vaters verhandelt Albert Gisberts Sohn Albert Georg mit dem Kurfürsten: Sie sprechen sich gegen den Vater und gegen Kleve ab. Durch diesen Verrat und nur erzwungen kommt 1667 die Huldigung des Kurfürsten zustande. Bezeichnend: Der Kurfürst selbst kommt nicht.
Absolutistische Politik entmündigt nach und nach die Menschen und das Land. 1713 streicht Friedrich Wilhelm III. die freie Wahl der Bauer-Meister, Bauern-Schöffen, Bürgermeister und Deputierten der Stände.
Ein Zitat setzt grelles Licht auf das weiterhin getrübte Verhältnis zwischen Niederrhein und Preußen. König Friedrich Wilhelm 1728: „Was Kleve und die Grafschaft Mark (heute Ruhrgebiet) ist, sein die Vasallen dumme Ochsen, aber melicieus (= böse) wie der Teufel, die Nation ist intrigant und falsch, dabei saufen sie wie die Beester, mehr wissen sie nicht.“
In europäischem Zusammenhang könnte der Niederrhein mehr über seine historischen Bezüge zu den Niederlanden nachdenken und sie intensivieren. Und die Gemeinde Hünxe müsste veranlassen, dass ihre Gäste wenigstens durch das zugewachsene Gelände das Gebäude und eine Tafel mit gescheiter Information vor Augen bekommen.