Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

<< Home

>> Kurz-Vita

>> Lieferbare Bücher

>> Schriften-Verzeichnis

<< Die NRZ Kolumne

13. Oktober 2004

Mehr Worte für Orte

Am Donnerstag muss ich einen Vortrag bei den Leuten halten, die behaupten, dass sie Stadtmarketing betreiben. Einige von ihnen haben Kolumnen von mir gelesen, in denen ich sie „verhöhne“, wie einer sagte. Aber drei Selbstkritische baten mich zu diesem Vortrag – es gefällt mir, wenn Menschen in der Lage sind, sich zu befragen. Ich soll als „Abendsprecher“ die Rolle des Hofnarren spielen, so sehe ich es. Na gut, ich mache das mit Vergnügen.
Wie gewöhnlich bereite ich meinen Vortrag sorgfältig vor. Mit mancherlei Zufällen. Ich lese den „Wachsmann-Report“, das Buch des Journalisten Michael Grüning, der sich vom Meister dessen Leben erzählen ließ. Wie schön, dass es das Tonband gibt!
Konrad Wachsmann beschreibt in vielen Städten charakteristische Orte. Immer hat er dabei einen Gedanken und skizziert ein Milieu. Manche dieser Orte kennt fast jeder. Da frage ich mich: Wie ist das bei uns? Ich finde so etwas auch hier – aber wer weiß es? Die Stadtmarketing-Strategen, die ich beschimpfen werde, scheinen nicht den geringsten Sinn dafür zu haben, wenn sie mir staubtrocken die Wirtschaftszahlen des Einzelhandels und ihr Wachstumsgeschwätz herunter lamentieren – alles, was wirklich niemanden zum besseren Leben verhilft.
Wir haben im Rhein-Ruhr-Gebiet – trotz unendlicher drastischer Saubermann-Aktionen – in Fülle Milieus. Zum Beispiel das Hafen-Viertel in Duisburg-Ruhrort. Bereiche von Hamborn. Um den Viehofer Platz in Essen herum. Das alte Kettwig. In Düsseldorf und in Köln stolpert man über Milieus. Auch in Kleve. Und selbst in Wesel. Und in Mülheim, Oberhausen und Dorsten.
Aber die Marketingstrategen kommen nicht auf die Idee, die Geschichten dieser Milieus zu sammeln. Mal zu studieren, wie in Paris das Quartier Latin, der Montparnasse und andere entstanden: mit Personen und Geschichten. Zu Orten, die für die Nachkommenden lebendig wurden, gerieten sie erst, wenn man den Leuten dazu farbige Geschichten und Bilder gab.
Erzählt ihnen, wer in dieser oder jener Kneipe gezecht hat, zeigt die Kneipe der „Missfits“ (wer findet sie?), welche Originale sich an einem Brunnen oder einer Treppe bewegten, was auf den Plätzen geschah. Macht Situationen lebendig, denn Menschen möchten Menschen erleben, ihre Szenen als Erinnerungen in den Kopf bekommen. Es geht nicht um Abstrakta und Umsatz-Statistiken. Sprechende Tafeln an den Wänden hat einstweilen nur die Siedlung Eisenheim – 70 Stück.
Ich schenkte Karl Ganser mein Toskana-Buch mit einer Bemerkung: Image kann man machen – in der Toskana waren es Schriftsteller und Künstler. Wenige Tage später sagte Karl Ganser: So ein Buch will ich vom Ruhrgebiet haben. Dann leitete er einen Prozess ein, an dem teilzuhaben ich das Glück hatte: Wir drehten das Image der Region –über das Auffinden und Schaffen charakteristischer Orte, vor allem der Industrie-Kultur. Es war das erfolgreichste Unternehmen dieser Art – in so kurzer Zeit und so weitreichend.
Die Stadtmarketing-Leute könnten sehr erfolgreich sein: Wenn sie auf den Tunnelblick verzichten – und schauen, wo, wie etwas geglückt ist. Die Städte werden von Menschen und Milieus gemacht.