Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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13. August 2003

Der hässlichste Bahnhof in NRW

Mülheim an der Ruhr – eine reiche Stadt. Aber sein Bahnhof, der auch noch Hauptbahnhof heißt, verdient den Preis der verschimmelten Zitrone. Er liegt noch unter DDR-Niveau. Es ist der abschreckendste Bahnhof Nordrhein-Westfalens.
In diesem Bahnhof frage ich mich: Fährt da niemand aus Mülheim mit der Bahn? – 0h doch, sogar sehr viele Menschen. – Die Armen, ihnen wird dieser Schlauch an Verkommenheit und Hässlichkeit zugemutet. Aber Hässlichkeit verkauft sich schlecht – das hätten die unverantwortlich Verantwortlichen schon vor 50 Jahren lernen können.
Die geklinkerten Wände assozieren die ekelhafte Atmosphäre einer uralten Bedürfnisanstalt. Und erst die Boden-Beläge! Eingebauter Schmutz – selbst frisch gewischt sieht es schmutzig aus. Nichts, was auch nur eine Spur von Eleganz hätte! Eine seit Jahren unverputzte Decke. Miserabelstes kaltes Neon-Licht. An diesem Bahnhof kann man denken: Augen zu und nichts wie weg.
Bahnhöfe waren einmal Empfangs-Hallen: Orte des Willkommens und eine Adresse der Stadt. Die Halle war einst schön – aber davon ist kaum mehr etwas wahrnehmbar. Der Vorplatz – einst ein Pracht-Stück – heute heruntergekommen, Müll, zugeparkt, Asphalt wie in Kriegs-Zeiten, eine protzige Leucht-Reklame „Hauptbahnhof“ – das muss wohl sein, sonst wüsste es niemand. Immer noch ließe sich daraus ein interessanter Platz machen. Denn gegenüber hat ein gar nicht schlechter Architekt einen ganz guten fassadenbildenden Bau hingesetzt.
Man sagt mir, in Mülheim gäbe es ein Stadt-Marketing. Wo bitte finde ich, dass es mithilft, das Produkt Stadt zu qualifizieren? Warum kümmert es sich nicht um die Darstellung der Stadt – an der Stelle, wo die meisten Menschen ankommen und abfahren – am Bahnhof? Wenn die Leute mit der neudeutschen Amts-Bezeichung sich nicht um ihre konkrete Stadt sorgen, sondern nur abstrakte Anzeigen schalten – jagt sie weg!

Wer lässt sich das gefallen?
Offenbar versteht die Stadt nichts von Lobby, sonst hätte sie bei der Bahn längst das durchgesetzt, was sich schlicht für ordentliche Menschen gehört. Hat diese Stadt als Stadt-Ansicht die Lieblosigkeit und Vernachlässigung verdient?
Wer lässt sich so etwas seit Jahrzehnten gefallen – oder sich vielleicht auf Jahrzehnte vertrösten?