Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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12. November 2003

Eingeweihte Bewacher

Es ist lange her, dass Museen eine Art Tempel waren – mit einem Zwei-Klassen-System. Darin gab es die „Geweihten“, für die die Schätze der Museen geschaffen schienen, und die Aufseher, die diese Schätze still zu bewachen hatten. Den Wächtern trauten die akademischen Museums-Chefs nicht das Geringste an Sachkenntnis zu. Wenn man die stummen Diener und Dienerinnen sich viele Stunden langweilen sah, war die Stimmung nicht gerade ermunternd.
Ich gehe gern und oft in Museen, und ich frage mich, warum manche Zöpfe abgeschnitten sind – aber dieser Zopf der Degradierung von Mitarbeitern immer noch nicht.
Unlängst traf ich einen Aufseher (gibt es kein besseres Wort dafür?), der nichts mehr von diesem verzopften Verhalten hatte. Irgendwie (das ist die Kunst der Kommunikation, seine und vielleicht auch meine) kamen wir miteinander ins Gespräch. Von seiner Seite professionell diskret. Neugierig fragte ich ihn zur Ausstellung, und er antwortete in einer Weise sachkundig, wie ich es nie zuvor erfahren hatte.
Meine Begeisterung über sein Verhalten und seine Kenntnis drückte ich dadurch aus, dass ich ihm eine (wahre) Geschichte erzählte: Der berühmte Christoph Asendorf, heute Professor und Autor glänzender Bücher, war nach dem Studium, weil er keinen Job fand, lange Zeit Aufseher im Brücke-Museum in Berlin; er hat mir erzählt, dass er dabei stets Bücher las. In dieser Zeit erwarb er sich die Grundlage für seine eigenen Bücher.
Der Mann vor mir zeigte in die Runde und sagte: Die Maler sind meine Freunde. Und weil man Freunde gut kennt, wusste er Erstaunliches zu berichten. Er bestätigte auch, dass Museums-Leitungen das Gespräch nicht wünschen, manche strikt verbieten. Darf ein Museum, das mit den Schätzen der Menschheit umgeht, eine Atmosphäre bieten, die das eigene Personal einfriert?
Wäre ich Direktor eines Museums, ich würde mein Personal so anleiten, dass es Lust bekommt, mit der Ausstellung umzugehen wie dieser Mann: Er begreift, was Dienst-Leistung ist. Nichts Besseres kann geschehen – für das Museum und seine Gäste.
Der Leser mag schauen, in welchem Museum der Region er den dargestellten famosen Menschen findet, der so freundschaftlich und kenntnisreich mit seiner Bilder-Welt umgeht. Und jeder Museums-Chef mag sich Gedanken darüber machen, ob es einer seiner Leute ist. Muss er ihn disziplinieren? – Das wäre verzopft, wenig menschlich und unkulturell. Oder fördert er ihn und seine weiteren Mitarbeiter? Die Atmosphäre eines Museums kann ja auch eine ansteckende Gesundheit sein.