Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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12. Mai 2004

Farbe bekennen

„Am farbigen Abglanz haben wir das Leben“ – das ist eine nachdenkliche Feststellung unseres Freundes Goethe, der diese Welt wach erlebte.
Farbe ist hierzulande Mangelware – obwohl im Rheinland weitreichende Erfindungen gemacht wurden, um Farbe in größten Mengen herzustellen. Daraus entstand eine gewaltige chemische Industrie.
Die europaweit wichtigste Industrie-Stadt der Farbe ist Wuppertal – aber warum ist es gerade dort nicht weit her mit der Farbe? Hier und anderswo liefern Fabriken Anstriche, aber ich möchte wissen, wo sie eine Kultur der Farbigkeit entwickeln und fördern – mit Architekten und Menschen im Land. Immer dasselbe: Kurzatmig verdienen. Dabei könnte man mit einer Kultur der Farbe auf lange Sicht Gewinn im viel-fachen Sinn des Wortes machen.
Es gab in Wuppertal Pioniere der Farbe. Der gebildete Fabrikant Dr. Kurt Herberts ließ in der NS-Zeit trickreich berühmte Bauhaus-Künstler unterschlupfen: Unter dem Deckmantel, dass sie bei technischen Experimenten halfen. In Düsseldorf arbeitete an der Akademie der weltberühmte Paul Klee – ein Meister der Farbe. In Mülheim schuf an zentralster Stelle Otto Herbert Hajek einen theaterhaften Platz mit Farb-Objekten – aber seither hört man immer wieder den Schrei von offensichtlichen Farb-Allergikern, dies wegzureißen.

Die Mentalität des Tamens
Warum gibt es im Grau des Alltags kaum Lust auf Farbe? Nachdem in London reiche Banker sich durch Grau kaum mehr erkennbar machten, verbreiteten sie eine Mentalität des Tamens – für ganze Städte. Aber wir sind doch nicht im Krieg! Wie viel Leben nehmen wir uns, wenn wir landauf landab auf Farbe verzichten!

Ein Grau wünscht keinen Guten Morgen
Farbe ist für die meisten Architekten und Eigentümer das allerletzte, was sie beschäftigt. Zu Unrecht – wenn sie über Farbe nachdenken. Wenn die Sonne die Welt um uns farbig macht, verändert sich sofort die Seelenlage – für jedermann erkennbar. Und wir schauen genauer hin, weil es lebendiger zugeht. Wo fahren die Leute im Urlaub hin? Dahin, wo es Farbe gibt. Aber zurückgekommen, überlassen sie die Farbe wieder den Verkehrszeichen, Museen und Theatern – aus Angst aufzufallen.
Farbe drückt aus: Stimmungen, Atmosphäre, Unbenennbares. Gefühlsmäßig interpretiert jeder das Grau, mit dem nicht nur der Regen das Land überzieht, sondern auch viele Menschen ihre Häuser und Manager ihre Fabriken. Natürlich fällt in diesem Grau jeder auf, der sich zur Farbe entschließt – aber wohl auch, wer uns lachend und fröhlich einen Guten Morgen wünscht.
Ehrlich: Wir mögen das doch! Also machen wir dieses Land doch farbig! Der berühmte Bruno Taut zauberte in den 1920er Jahren farbige Stadtviertel (Magdeburg). Im Theater Gelsenkirchen waren Werner Ruhnau und Yves Klein von Farbe besessen – wir könnten das auch versuchen, als eine Weise, besser zu leben.