Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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11. Februar 2004

Wenn Worte zu Wolken werden

Am Sonntagmorgen halte ich eine vom Grafiker fein aufgemachte Hochglanz-Zeitschrift in den Händen. „Polis“ heißt sie – übersetzt: Die Stadt. Herausgegeben von der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung. Da könnte der Laie in Ehrfurcht erstarren. Und denken: Ich erfahre viel Spannendes über die Alchemie der Gesellschaft.
Irrtum. Ich hab, was da steht und sich endlos wiederholt, schon tausendmal gelesen. Geschriebene Festreden: kaum Spuren-Elemente von Inhalten. Gebirge von abstrakten Sätzen. Augen-Öffner? – Nein. Da schreiben Stadtbauräte, Instituts-Direktoren und Professoren – haben sie nichts Konkretes zu bieten? Anschauliche Beispiele aus ihren Städten? Szenerien, Situationen und vor allem Menschen? Wenn ich 200 Meter durch mein Dorf Eisenheim laufe – übrigens mitten in der großen Stadt Oberhausen und in der dezentralen Metropole Rhein-Ruhr –, erfahre ich mühelos mehr.

Die Wirklichkeit ist wohl nicht fein genug
Mir kommt ein Verdacht: Diese Leute kennen ihre Stadt nur vom Überfliegen. Sie haben ihre Kindheit und Jugend, die Jahre ihres oft schwierigen Aufbaus komplett vergessen. Heute leben sie in Raumschiffen in der leeren Luft, in Status-Konkurrenzen eines Jahrmarktes von Eitelkeiten. Von ihrer konkreten Stadt haben sie nicht mehr als das Gefühl des Überfliegens. Sie wird ersetzt: von den feinen Gesellschaften der Insider. Sie reden hoch über die Welt hinweg.
Ich lese verblasene Illusionen über New York und Paris – ohne Wahrnehmung von dem Kilometer breiten Ring ihrer Vorstädte mit deren Leben und Zündstoffen. Die Fotos blenden ebenso ohne Inhalt wie die Worte.
Hab ich was gelesen? Nein.
Sollte der Stadtbaurat oder der Professor sich mal in eine Vorstadt verirren (was selten geschieht), lernt er dort auf dem Markt, an Theken, auf Plätzen nichts über die Leute – oder redet nicht darüber. Die Wirklichkeit ist wohl nicht fein genug für das Hochglanzpapier, das die Werbung ausgesucht hat.
So gibt es in dieser Zeitschrift (und ähnlichen) nicht das, was man Reportage nennt – das Faszinierendste an jeder Tageszeitung. Daher habe ich in jeder Tageszeitung mehr von der Welt als in diesen selbstgenügsamen Zeitschriften. Dort habe ich das Gefühl, dass die Spießigkeit sich nur vornehmer ausdrückt. Das haben inzwischen auch die einstigen „Alternativen“ gelernt – nahtlos fügen sie sich heute ein in den Club derer, denen sie einst mit ihrer Kritik Fragen stellten.
Theorie soll – übersetzt – ein Durchschaubarmachen der Wirklichkeit sein. Ein Schlüssel zur Welt. Aber wenn die Welt darin nicht mehr vorkommt, ist es keine Theorie, sondern ein Wolkendunst, der sich am Horizont verliert.