Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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10. Dezember 2003

Respekt vor der Substanz

Der Gedanke an Bottrop verbindet sich häufig mit dem „Albers-Museum Quadrat“ – ein Image-Träger für die Stadt. Bauhaus-Meister Josef Albers, der aus Bottrop stammte, brachte hier einen Teil seines Nachlasses ein. Es ist ein Wunder, dass dafür unter den seit jeher schwierigen Bedingungen der Stadt ein bedeutendes architektonisches Kunstwerk entstand, unlängst gefeiert in einer italienischen Architektur-Zeitschrift. Sein Architekt, Bernhard Küppers, wurde jüngst zum Ehrenmitglied im Deutschen Werkbund NRW ernannt. Aber etwas kann noch so berühmt sein – wird es in der eigenen Stadt respektiert?
Gebäude und der Park ringsum bilden eine künstlerische Einheit. Aber das Grünflächenamt lässt den Park verwildern und bringt allerlei Unsinn an. Im Ausblick aus der Cafeteria gleich drei Verbots-Schilder, die auch anderswo aufgestellt werden konnten. Und um den See herum Geländer: Da müsste ganz Amsterdam und Venedig eingezäunt werden. Zwei von vielen Beispielen für unsachgemäßem Umgang, in dem sich Fachborniertheit austobt.
Wenn die positive Phantasie fehlt, wuchert die negative – und stellt die Kausalität auf den Kopf. Die Vernachlässigung sachgemäßer Pflege dient nun als „Begründung“ dafür, im Park Bestehendes abzuräumen und sinnlos Neues einzusetzen.
Da wird eine Studenten-Arbeit angepriesen und angekauft, die nicht den geringsten Respekt vor dem Gesamtkunstwerk erkennen lässt, das eines der gelungensten in der Region ist. Banalisierung: Das naturnah gestaltete Gewässer soll in ein sehr großes viereckiges Becken umgewandelt werden - wie eine Badeanstalt. Kosten? Sind wir immer noch immer nicht arm genug, um Großartiges durch Nichtiges zu ersetzen? Und um auch noch den Bauhaus-Meister Albers zu banalisieren, sollen seine Quadrate – angeblich sonst nicht verständlich – um das Gebäude als farbige Blumen-Beete erscheinen.
Gott sei Dank hat der Architekt, einst Stadtbaumeister von Bottrop, das Urheberrecht für das Albers-Museum (und andere städtische Bauten). Und er wird darauf bestehen.
Aber an einer Hochschule sollten Studenten und Professoren lernen zu erkennen, was man an Substanz vorfindet. Lernen: mit Respekt zu handeln. Lernen: bescheiden zu sein, wo vor uns selbst Ausgezeichnetes entstanden. Lernen: dort Gutes zu stiften, wo es angebracht ist – da gibt es bei Gott anderswo viel zu tun.
Diese Umsicht ist nicht out, nicht weltfremd, sondern sie führt zu dieser Welt; die IBA hat jahrelang gezeigt, wieviel Positives aus einem Potenzial-Denken entstehen kann. Muss das Rad immerzu neu erfunden werden? Wer gut ist, arbeitet nie mit dem Ellenbogen gegen andere, sondern immer auf den Schultern von anderen. Hochschule ist dem Erkennen verpflichtet – und nicht dem respektlosen Ignorieren.
Die Verwaltung sei nun herausgefordert, sich kundig zu machen, welche Schätze sie in der Stadt hat: Man kann nicht verwalten, was man nicht versteht. Da ist Fortbildung in mehreren Ebenen angesagt. Ich gebe gern und gratis produktive Hinweise, um beizutragen, mit dieser Region gut umzugehen. Sie verdient es. Bottrop gehört dazu.