Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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10. November 2004

Wer unsere Sinne beleidigt

Wie viel Scheußlichkeit muss man sich gefallen lassen? Hässlichkeit trifft nicht nur die ärmeren Viertel, die Stadtmitte und die ausgebreiteten Industriegürtel – nein, auch reiche Quartiere, zum Beispiel im Essener Süden, wo die Welt anscheinend in Ordnung ist.
Da gibt es an der Frankenstraße, unweit der prächtigsten aller Essener Villen, zunächst ein paar neugebaute passable Häuser. Dort versuchten Bauherr und Architekt sich von der Banalität des Funktionsbauens zu lösen und sich der Menschlichkeit in der Architektur anzunähern: ein wenig charakteristischer zu gestalten, ein bisschen niedlich, mit einer Palette an unterschiedlichen Farben.
Aber dann passierte etwas Groteskes, was das sympathische Bemühen grob konterkariert. Knapp davor setzte ein Architekt oder kein Architekt, jedenfalls keiner, der den Namen verdient, eine Garagen-Zeile hin: Nun riegelt sie wie ein Militär-Lager die Häuser-Zeile ab.
Man fragt sich, warum die Leute in ihren netten und gut anzuschauenden Wohnungen sich so etwas Indiskutables vor die Nase setzen lassen. Einen solchen grob banalen Streich eines verbreiteten Zynismus, der unser aller Sinne beleidigt?
Das Beispiel zeigt: Dieser verletzende Umgang mit dem öffentlichen Raum, der uns allen gehört, trifft alle – dies geschieht nahe der Zufahrt zum legendären Hügel. Dort fahren täglich 20.000 Menschen vorbei. Darunter die Prominenten, die zur Villa Krupp wollen.
Wer lässt so etwas zu? Jetzt wird das Bauamt sagen, dass es diese Untat juristisch nicht verhindern konnte. Das ist aber nur die halbe oder noch weniger Wahrheit – mit solchen Ausreden werden wir täglich in unseren Städten an der Nase herum geführt. Fragen wir nach.
1. Welches Bauamt hat auch nur den blassesten Sinn für Gestalt und Schönheit seiner Stadt? Welche Amtlichen interessieren sich dafür? Sie werden vielleicht ein schönes Zuhause anführen oder ihren Urlaubs-Ort – aber wir beharren auf Schönheit hier, am konkreten Ort, in unserer und ihrer Stadt.
2. Niemand hindert ein Bauamt, Bauherren und Entwerfer qualifiziert zu beraten.
3. Es gibt stets die eine oder andere Methode, den Missetätern an der urbanen Öffentlichkeit ein paar Hindernisse anzudrohen, wenn sie keine Vernunft annehmen. Argem gegen Argem. Das geht sehr einfach;
es kann damit beginnen, dass eine Akte auch mal zuunterst liegt, als allerletzte schmort, dass man unbequeme Nachfragen stellt, ein paar Zweifel anmeldet, die verzögern. Zugegeben: nicht die beste aller Welten. Aber wer unsere Sinne hemmungslos beleidigt, indem er die Stadt schlecht und immer schlechter aussehen lässt, muss auch nicht erwarten, dass wir ihm gegenüber reibungslos den Gutmenschen spielen.
Wer Rechte haben will, muss auch Pflichten erfüllen. Dazu gehört in der Stadtplanung und in der Architektur mehr als das banalste juristische Minimum.