Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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10. März 2004

Oberhausen und Florenz

Eines der schönsten Projekte der IBA Emscher Park (1989–1999) ist die Rekonstruktion des Hauptbahnhofes (1929) in Oberhausen. Oberhausen war in 19. Jahrhundert der wichtigste Knotenpunkt im größten Industriegebiet Europas, seine Drehscheibe. Dies drückte sich auch ästhetisch aus – kurz nach dem Höhepunkt in einer ausgezeichneten Bahnhofs-Architektur der 1920er Jahre. Sie ist in der Qualität vergleichbar dem kurz danach vielleicht sogar mit Blick auf Oberhausen entstandenen berühmten Florentiner Bahnhof Santa Maria Novella.

Das Gelungene wirkt immer frisch
So kann man den Hauptbahnhof selbst, auch mit vielen Details, eigentlich schon als ein sehr großes Eisenbahn-Museum lesen. Zugleich sieht er aus, als sei er soeben fertig geworden. Wenn etwas wirklich gelungen ist, erscheint es selbst dann, wenn es historisch geworden ist, immer noch taufrisch – und für alle Zeiten zeitgemäß.
Ein Bahnhof muss keine ätzende Übergangs-Station für gehetzte Menschen sein. Ist es utopisch, sich eine halbe Stunde Zeit zu nehmen und sich umzuschauen?
Dieser Hauptbahnhof bietet einen zweiten Anlass dazu: Innen gibt es ein Juwel an Museum – das vielleicht kleinste im Land: ein totes Museums-Gleis mit einem Bahnsteig und einem sehr lebendigen Wartehäuschen. Funktionslos geworden, wurde dieses Terrain vom benachbarten Rheinischen Industriemuseum genutzt, um eine Wurzel der Industriestadt zu zeigen: die Eisenbahn, die einst für Oberhausen entscheidende Bedeutung hatte.
Das ausgezeichnet entworfene und gut restaurierte Warte-Häuschen führt in interessant gehängten Bildern und knappen Texten die Eisenbahn-Geschichte des Ortes mit seinen Menschen vor Augen – als Stadt-Entwicklung. Daneben steht auf den Schienen eine Lok mit einem Torpedo-Wagen. Einst transportierte er vom Hochofen glühendes Eisen zur Veredelung. Was dann mit ihm geschah, kann man unmittelbar neben dem Bahnhof, am hinteren Ausgang, in einer spannenden „Schau-Stätte“ erfahren: im Rheinischen Industriemuseum.
Es ist leider noch selten, dass ein Museum sich so gut mit einem authentischen Ort verknüpft – und ihn durch einen so vorzüglichen Satelliten wie das Museums-Gleis für unsere Neugier qualifiziert.