Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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9. Juni 2004

Heimaterde, Filet vom Feinsten

Da wird nach Großartigem gesucht, aber wenn man es hat, wird es begriffen? In Mülheim an der Ruhr gibt es eine der interessantesten Siedlungen: Heimaterde, 1917/1929  ff. gebaut von Theodor Suhnel – in der Tradition der Krupp-Siedlungen und des Deutschen Werkbunds. Großartig, wie der Architekt die Landschart benutzt: Er baut um eine Anzahl Bachtäler herum – mit menschlicher Architektur und „Einfachheit mit Geist“. Zwischen dem ungestalteten Brei der Vorstädte ist Heimaterde eine Gartenstadt vom Feinsten.
Da aber nur bebaute Quadratmeter so richtig Geld einbringen, versucht Thyssen-Krupp Immobilien Management, das letzte Fleckchen Grün in Geld umzumünzen. In klarer Sprache nennt man dies: Bodenspekulation. Täter und Helfershelfer verschleiern den kruden Sachverhalt natürlich mit allerlei Reden, dass einem die Tränen kommen sollen – aber es bleibt, was es ist: die pure Bodenspekulation. Sie probieren es in Salami-Taktik „mit nur ein paar Häuschen“und in großem Stil mit Bebauungsplänen.
Dietmar Berg, Häuptling der Bürgerinitiative: „Was gelungen ist, muss geschützt werden: die schöne Gartenstadt gegen das Zubauen von Grün. Städtebauliche Sünde ist und bleibt städtebauliche Sünde.“So sehen es auch das Rheinische Amt für Denkmalpflege und etliche Experten. Und so hätte es wohl auch der alte Alfred Krupp gesehen, der einst das Krupp-Siedlungswesen in Gang setzte. Ach, wenn er noch lebte, würde er seine flachen Epigonen zu den Teufeln jagen, die sie hier spielen – indem sie ein Filetstück der Region ruinieren.
In Mülheim versprach Dagmar Mühlenfeld als Kandidatin für das Amt der Oberbürgermeisterin, dass sie das Zubauen verhindern, die Siedlung unter Denkmalschutz bringen werde, wenn sie die Wahl gewinne. Sie gewann. Und seither laviert sie, verschiebt, fintiert, gibt doppeldeutige nichtssagende Statements – so dass sich jetzt Bürger betrogen fühlen. Sie fragen die Sozialdemokratin: Zählen die Interessen einer Firma mehr als die Stimmen vieler Menschen – und ein Versprechen? Ähnliches fragen sie die Baudezernentin Helga Sander.
Der Chef des Bauordnungsamtes sagt dem Stadtparlament, die Verwaltung müsse zulassen, dass ThyssenKrupp nach Paragraf 34 einzelne Häuser in das Grün hineinbaue. Aber das ist Schwindel pur. Die Verwaltung weiß sehr wohl, dass zusätzliche Baurechte Ermessens-Fragen sind:
Wenn die Stadt es nicht will, kriegt ThyssenKrupp sie nicht – weder einzeln noch als Bebauungsplan. Merken die Parlamentarier wirklich nichts?
Die Oberbürgermeisterin versucht nun, sich über den Wahltermin hinaus zu hangeln. Aber landauf, landab sind heute sehr viele Menschen sensibilisiert gegenüber Wahlversprechen. Sie zu brechen, wird nicht mehr als Kavaliersdelikt hingenommen.
Mülheim hat in der Vergangenheit groteske stadtplanerische Fehlentscheidungen getroffen, man denke vor allem an die schauerlich missratene Innenstadt-Sanierung. Daraus gelernt? Frau Baudezernentin Sander: Grün müsste gerade Sie verpflichten, nicht die Fehler der 1960er Jahre zu wiederholen, sondern zu erkennen, was substanzielle Stadtplanung ist. Oder haben Sie das Kunststück geschafft, zehnJahre IBA zu verschlafen?
Schon 1971 hinderten Bürger Krupp daran, die Gartenstadt zu einer Großwohn-Anlage umzuwandeln: Wohnungen verkommen zu lassen, abzureißen, dann Häuser bis zu acht Geschossen zu bauen. Auch damals waren Politik und Verwaltung zunächst Handlanger für den Abriss, dann lernte die Verwaltung und wurde vernünftig. Hätte Krupp sich durchgesetzt, wäre Heimaterde heute ein Problemgebiet wie viele andere.
Liebe Frau Oberbürgermeisterin: Zum Ausstieg genügen zwei klare Sätze, die schön sind und Stadtimage machen: Die Gartenstadt wird nicht zugebaut, ohne wenn und aber. Und: Sie kommt unter Denkmalschutz.