Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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8. Dezember 2004

Runde Hecken mit Ecken

Da gibt es einen knapp 80-jährigen Menschen, der sein „drittes Lebensalter“ vorzüglich nutzt. Er sammelt und sammelt und sammelt, was er über seine kleine Siedlung im Duisburger Norden findet. Die 38 Häuser, die sich unweit der Zeche Neumühl den Namen „Runde Hecken“ gaben, entstanden 1932 als eine Bau-Maßnahme für Erwerbslose.
3.000 Menschen bewarben sich, nur wenige hatten Glück. Werner Kian lernte Schreiner, machte sich 1954 selbstständig, eröffnete 1964 ein Geschäft für Modell-Artikel, eine Art früher Baumarkt. Dann ließ er sich abwerben: an die Sonderschule für Behinderte – als Werklehrer. „Mikätzchen“ nannte man die unkonventionelle Karriere. In den 1970er Jahren rettete er in einem langen Kampf seine Siedlung vor dem Abriss für eine aberwitzige Straßen-Planung.
Seit 1989 in Pension, sammelt Werner Kian: „Damit der Lebensweg der Siedlung nicht untergeht. Denn viele Menschen zogen später von außen zu, sie sollen wissen, auf welchem Boden sie jetzt leben. Alles hat lange Wurzeln. Und es ist schön, davon viel zu wissen.“
Was er in seinem dicken Dokumenten-Werk zeigt, ist eine Sammlung von einstigen Zukünften – von Hoffnungen, die teils realisiert wurden, teils unerfüllt blieben. „Was geht nicht alles verloren, weil kaum einer schreibt!“ Gegen das Vergessen forschend, zieht Werner Kian weite Kreise: in der Stadt, in den Archiven und in der Region. Seine Frau begleitet ihn. Er trägt auch zusammen, was die Leute schrieben – und verteidigt Ungelenkes: „Es ist unbürokratisch – es kommt vom Herzen.“
In seiner Sammlung gibt es tausend Kleinigkeiten. Fotos und Pläne zeigen die einst klitzekleinen Häuschen mit ihren Anbauten, in denen es eine Toilette, aber auch Ställe für Hühner und Schweine gab. „Wichtel-Siedlung“ wurde sie genannt, weil alles kleiner war als nebenan in den Zechen-Siedlungen.
Wir erfahren von den armen Zeiten, in denen die Leute archaisch das Korn mit dem Dreschflegel droschen. Frauen mit einem 16 Stunden-Tag. „Was sind alte Leute jämmerlich gestorben – mit einer Lunge voller Steinstaub erstickt “ Unvermutet: Lange Zeit war die Nachbarschaft geladen mit Konflikten, jämmerlicher Eifersucht und Neid, – zum Beispiel wenn ein Nachbar Arbeit bekam. „In der Armut verhielten sich die Leute nicht besser.“ Aufstieg zur Wohlhabenheit in den 1960er Jahren. „Heute ist die Nachbarschaft vorzüglich.“
1962 wurde die Zeche stillgelegt – und sofort begann die Bodenspekulation: ausgebraucht und nun Spielball. „Sanierung“ – ein klingendes Wort, eine vorsätzliche Täuschung: „Nichts sollte stehen bleiben.“ Im jahrelangen Kampf erlebt Werner Kian ein Wechselbad mit wankelnden Politikern und Verwaltern. Und den Selbst-Hass der Region, die das Zusammenstürzen feierte.
Um dies zu recherchieren, entwickelte Werner Kian eine Phantasie wie ein Künstler und einen Scharfsinn wie ein Detektiv. Das Ergebnis: eine facettenreiche Alltags-Geschichte. Ein Panorama des eigenen Lebens und der Gegend.