Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

<< Home

>> Kurz-Vita

>> Lieferbare Bücher

>> Schriften-Verzeichnis

<< Die NRZ Kolumne

7. Juli 2004

Neuschwanstein am Rhein

Auch das Rheinland hat sein Neuschwanstein. Ein ehrgeiziger Mensch investierte viel Geld, als er sich bei Bonn überm Rhein hoch oben auf dem Drachenberg ein Schloss baute, gewaltig und romantisch. Die Nachwelt hatte für ihn Bewunderung und Spott übrig. Wie berechtigt diese Urteile waren, sollte sich erst im Laufe der Jahre herausstellen, weil die Zeit die Blickweise verändert.
Schloss Neuschwanstein, das der bayrische König Ludwig II. auf einem Felsen vor der Alpen-Kette anlegte, war eine steingewordene Wagner-Oper. Verrückt? Verschwendung? Lange Zeit wurde es als ein aberwitziges Verlustgeschäft dargestellt. Neuschwanstein war die scheinbar unsinnigste ökonomische Anlage – inzwischen ist sie die wirtschaftlichste des Alpenvorlandes geworden. Seit langer Zeit wird daran unglaublich viel Geld verdient.
Das könnte, wenn die aufwändige und sehr teure Restaurierung von Schloss Drachenfels in einigen Jahren abgeschlossen wird, dort ebenfalls geschehen. Dann müsste sich allerdings das Tourismus-Markting gewaltig zusammenreißen und nicht die üblichen Banalitäten auffahren. Ein durchdachtes Konzept kann hier Einzigartiges zeigen.
Das Terrain ist das erste Naturschutzgebiet in Deutschland. Hier wurde zum ersten Mal ein Konflikt zwischen Natur und Gewerbe, einem Steinbruch, durch eine intelligente staatliche Intervention so entschieden, dass die Natur zu schützen ist.
Auf dem Felsen gibt es einen aufregenden Blick über das Rhein-Tal. Hier bietet bereits die Natur eine dramatische Inszenierung. Mitten darin wird sie architektonisch fortgesetzt: durch ein romantisches Gebäude – von einem fast wahnwitzigen Einfalls-Reichtum.
Wie vieles in dieser Welt hat auch diese Schöpfung eine Unter- und eine Oberseite. Wer war der Auftraggeber? Ein Metzgers-Sohn aus Bonn – er wird in Paris ein einfallsreicher Geld-Manager, finanziert die Investmentfonds, mit denen er spekulativ das Kapital für den Bau des Suez-Kanals beschafft. Dann steckt er süperbe Gewinne in seinen Nachruhm: nahe seiner Geburtsstadt – hoch über dem Rhein – in eine theaterhafte Natur-Szenerie und in ein romantisches Schloss.
Mit diesem Nachruhm kann die Nachwelt durchaus etwas anfangen. Viele seiner Bank-Kollegen werden höchstens mit Peanuts in die Geschichte eingehen.
Man kann daher den reichen Leuten in unserer Region raten: Lernt im Siebengebirge an der Drachenburg eure Gewinne so auszugeben, dass ihr auch noch nach dem Tod etwas davon habt. Das ist dem Bankier namens Sarter gelungen. Und wir haben demnächst alle etwas von diesem Langzeit-Aspekt der Architektur – von der Lektion hoch überm Rhein.