Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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7. April 2004

Platz 1 für Dorsten!

In Dorsten-Hervest, vor der Zeche Fürst Leopold breitet sich eine der schönsten Siedlungen aus. Als Fokuspunkt entwickelte 1913 der Architekt H. W. Eggeling den Brunnen-Platz. Und um ihn herum ein Netz von platzartig gestalteten Straßen. Ein Wechsel von Stein-Plätzen und Baum-Plätzen.
Das Geheimnis der Faszination des Hauptplatzes: Der Mensch erlebt seine eigene Dimension – in dem, was seinem menschlichen Maß entspricht. Rundherum in Häusern mit zwei Geschossen. Darin setzt der ein wenig höhere Uhrturm einen Akzent.
Alles steht zum Greifen um uns. Nähe und zugleich Ausdehnung 0û mit Atem-Weite. Eine solche Balance bestimmt die räumliche Gestalt des Platzes. Dies stammt aus einer Kultur des Disponierens, darin war die Renaissance großartig, vor allem in Italien.
Der Raum, das uralte Problem des erlebenden Menschen und des schöpferischen Architekten, erscheint hier besonders konzentriert, verdichtet, intensiv. Die umschließende Hülle gibt ihm den Charakter des Bergenden. Darin ist alles bewohnt. Das schafft das Gefühl, unter Menschen zu sein. Die sinnenhafte Farbigkeit schafft eine besonders sympathische Atmosphäre: Sie variiert zwischen Gelb, Hellocker und Dunkelocker – und assoziiert Österreich.
Platz ist Ordnung – gestaltet in einer elementaren Grundfigur, hier in einem Quadrat. Sie drückt aus: die Liebe zum Festen, zum Beständigen, zum Gefügten. Und Symmetrie heißt: Da ist alles aufeinander bezogen. Die Seiten-Wände nehmen die späteren Schöpfungen des berühmten Erich Mendelsohn vorweg: Flache breite Streifen unter den Fenstern und unter dem Dach laufen lang und elegant durch.
Weil die Gefügtheit so stark ist, kann sich der Platz auch Öffnungen leisten: in den Ecken, nicht einsehbar, und unter dem Uhrturm. An den Gegenseiten lockert sich das strenge Gefüge; da verblüffen uns Ausblicke in das variable Straßen-System.
Auch in den abwechslungsreich gestalteten Fassaden erscheinen Varianten: als Überraschungen. Aber nie gibt es davon zuviel – immer stehen das Ganze und die kleineren Figuren in Balance. Zeichen der „Moderne“: Einfachheit, Bescheidenheit und zugleich die Würde der Bergleute. Spürbar ist der historische Wandel der Wertschätzung: 1913 sollen sie am allgemeinen Aufstieg des Landes teilhaben.
Loggien machen die Wände betretbar: Man kann zwischen zwei Schalen hineingehen, es verbinden sich Außen und Innen. Die Arkaden-Bögen setzen die Wände in Schwingung. Unbewusst spüren Menschen: Der Platz ist eine Bühne - für ihre Auftritte, wie immer sie das selbst inszenieren. Es umgibt sie eine Theater-Szenerie. Dieser Architektur-Platz hat große Plastiken: an drei Seiten jeweils vier Bäume. Durch dieses Geviert von Bäumen entsteht eine zweite Form: ein Baum-Platz. Baum-Platz im Stein-Platz. Abends bilden die vorzüglich gesetzten Lampen menschlich dimensionierte Lichträume.
Dieser wunderbare Platz liegt als Lern-Chance vor der Tür. Bürger, schickt Architekten und Stadtplaner dorthin! Denn in weiten Bereichen unserer Städte mit ihrem diffusen Brei von Gebäuden ist das Stichwort Platz ein Fremdwort - das muss nicht so bleiben.
Ob die meisten Stadtplanungs-Dezernenten Namen und Amt verdienen, bezweifle ich – bestärkt durch Kommunalpolitik, die mit diesem Ressort mehr und mehr Tiefbauer betraut – fast ausnahmslos Leute, die mit dem Kopf nicht über die Grasnarbe kommen – doch da beginnt erst der Platz. Also erhalten wir von ihnen keine Plätze. Auch die Raumplaner scheinen nicht mehr auf die Sinne zu setzen: Sie verlieren sich in Abstraktionen. Lernen ist notwendig: Weil der Mensch ein Mensch sein will.