Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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7. Januar 2004

Die Kraft der zwei Kulturen

Es könnte in der vornehmen Stadtmitte von Istanbul stehen – und ich finde es im Duisburger Norden, an den Arkaden des Hamborner Altmarktes: Die türkische Café-Konditorei-Bäckerei Sikbal. Es ist keine abgekapselte Tee-Stube, sondern sie lädt auch die deutschen Einheimischen ein.
Dreimal in der Woche kommen morgens viele Gruppen von Frauen vor oder nach dem vorzüglichen großen Markt am Dienstag, Donnerstag und Samstag zum „offenen Frühstück“. Mit dem Blick durch die weiten Glasfenster auf den Altmarkt und im Obergeschoss reden und reden sie – die türkische Ausgabe der Cafe-Tanten. Um diese Zeit sind hier nur wenige Männer. Am Nachmittag werden die großen Räume ein ebenso lebhafter Treffpunkt für Gruppen von Jungen und Mädchen – oft gemischt. Daneben: ältere Männer. Hinzu kommen Geschäftsleute, die verhandeln. Abends: alles gemischt – bis 22 Uhr.

Nachtisch kiloweise
Die Leute kaufen sich hier ihren Nachtisch. Kiloweise wird abgerechnet. Wo in aller Welt gibt es mehr und unterschiedlichere süße Gebäcke! Wie schade, dass die Menschen die langen Fäden ihrer Kultur-Geschichte nicht kennen: In der Osmanen-Residenz Istanbul sammelten sich byzantinische und persische Hofkultur mit vorzüglichem Geschmack – dies strahlte bis nach Wien aus, und von dort nach Italien, ins berühmte Kochbuch von Artusi. Und jetzt ist es hier: mitten im Ruhrgebiet, in einem mittelfeinen Café. Ein Grund für die Region, auch darauf stolz zu sein.
Erkan Dural, in Duisburg-Beeck geboren, ist hervorragend ausgestattet mit zwei Sprachen und zwei Kulturen. Er hat acht Vollzeit-Arbeitsstellen und sieben Aushilfsjobs geschaffen. Sie backen alles selbst – ein anschauliches Panorama. Die Konkurrenz ist groß, Erkan Duran muss auf die Preise achten und gut kalkulieren. Neben einigen deutschen Gebäcken hat er meist türkische Produkte – vom Feinsten, „weil wir darin einfach firm sind“.
Ich denke, es könnte sichtbarer werden, welche Chancen die zwei Kulturen bilden. Über passive Toleranz hinaus würde uns ein entwickeltes Verständnis weiterbringen. Hier und an anderen Stellen könnten wir lernen, welche Kraft aus der Doppel-Kultur entsteht – auch für uns. Dann würden sich die einen nicht ausgestoßen fühlen, die anderen nicht überfremdet, die dritten nicht gelangweilt.
Vorschlag also: Stadtentwicklung und Stadt-Marketing können solche (und weitere) produktiven Impulse aufnehmen und aus ihnen (und aus sich selbst) mehr machen.
Wir bewegen uns in unseren Städten in einer gesellschaftlichen Alchemie. Die Frage ist, was wir daraus entwickeln. Es könnte – mit allerlei Feuer, Dampf und Zischen – Gold herauskommen.