Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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6. Oktober 2004

Die Region braucht Bücher

In Amsterdam fand ich in einem Antiquariat ein kurioses Buch zu unserer Region: „Anita Drögemöller und Die Ruhe an der Ruhr“ vom Schriftsteller Jürgen Lodemann, zuerst 1975, sogar in Zürich erschienen. Michael Lentz verfilmte es. Literatur ist in der Lage, die besondere Atmosphäre, Originalität und Sprache von konkreten Orten viel lebendiger zu packen als die üblichen Fachpublikationen in den Zunft-Zeitschriften.
Ebenfalls in Amsterdam fand ich bei mehreren Leuten jeweils ein ganzes Regal mit Büchern: zu ihrer Stadt und Region – kontinuierlich gesammelt. „Selbstverständlich“, sagten sie. „Das gibt es doch auch bei euch.“Schön wär's.
An Rhein und Ruhr leben wir in einer vielfältigen, oft spannend klirrenden Landschaft. Dazu gibt es inzwischen kaum weniger Bücher verglichen mit Amsterdam, das seit Jahrhunderten berühmt dafür ist, dass sich die Stadt im Geschriebenen und Dargestellten in Facetten spiegelt. Da der Regionalverband und die Landschaftsverbände für ihre Bereiche werben: Macht bitte eine Aktion mit dem Arbeitstitel „Die Bücher zur Stadt und zur Region“! Und wiederholt sie. Mehrfach!
Viele Buchhändler, vor allem die kleinen, sind zu einer solchen Aktion (die mehr ist als Werbung) nicht in der Lage, weil sie nur so eben über die Runden kommen. Also muss es jemand machen, der für wichtige Infrastrukturen im Land zuständig ist: diese Verbände; Es gibt nämlich auch Infrastrukturen des Bewusstseins: die vorzüglichsten sind Bücher. Was darin geschrieben ist, bleibt bestehen. Alle Elektronik überholt sich rasch, ältere Ton- und Bild-Träger sind meist nur archäologisch detektivisch benutzbar. Aber mühelos überwintern die Bücher. Man kann sie mehrfach in die Hand nehmen – immer wieder nachschauen.
Wer seine Region mit Städten, Plätzen, Straßen, öffentlichen Gebäuden, Vierteln, spannenden Ecken, verknüpft mit ihren Kontexten und Geschichten des Alltags, des Besonderen und mancherlei Verrücktheiten, wirklich schätzt und intensiv darin leben möchte, kann es machen wie auffallend viele Amsterdamer: Er sammelt in seiner Wohnung ein Regal mit Büchern zu seiner Heimat.
„Wer viel weiß, sieht mehr“, sagte ein kluger Mensch. In der Tat. Viel Anschauliches vor Ort erschließt sich erst über das Wissen – aus Büchern. Es gibt hier vorzügliche Verlage: in Duisburg, Recklinghausen, Wuppertal, Kevelaer, Bottrop und vor allem in Essen mit dem größten und engagierten Regionalverlag in Deutschland. Sie leisteten viel für ihre Gegend – in aller Stille.
Wenn die Bürgermeister ihre Jubiläums- und Weihnachts-Geschenke und die Firmenchefs ihre Werbegeschenke aussuchen, dann können sie, falls sie die Republik nicht dem Analphabetismus verfallen sehen, viel Gutes verbreiten: sich aus der Schatzkiste der Regional-Literatur bedienen.
Mit Büchern lässt sich nicht nur im Umkreis, sondern auch im fernen Bayern oder Berlin etwas von der Identität des spannenden Landes von Rhein und Ruhr vermitteln.