Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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6. August 2003

Gibt es ein Stadt-Marketing?

Die Schüffel-Hunde des Stadt-Marketing sind selten Trüffel-Hunde. Wenn es mal etwas gibt, schauen sie meist daneben und vorbei. Sie suchen den Stein der Weisen für ihre Stadt – aber wenn sie ein Juwel finden, ist es nicht das, was sie suchen. Und so sind sie wohl bis ans Ende aller Tage auf der Suche – wenn sie nicht vorher rausgeworfen werden, weil sie ihre Stadt nicht verstehen.
Ein Beispiel der besonderen Blindheit liefert das Stadt-Marketing von Krefeld. Nun wissen wir, dass die Marketing-Fuzzis nach „Name-dropping“ gieren – also nach Namen, nach weltberühmten zumal. Krefeld hat einen – aber kann damit nichts anfangen.
Wer ist das? Ja, wenn es wirklich Stadt-Marketing gäbe, hätten Sie es längst erfahren – so muss ich es Ihnen sagen: Es ist Ludwig Mies van der Rohe, weltberühmter Architekt und Bauhaus-Direktor. Krefeld könnte die Stadt von Mies sein. Wann fällt einem ein solcher Name mal so in den Schoß? – Mies hat hier mehr gebaut als irgendwo anders: eine ausgreifende Fabrik-Anlage (Girmesgath) und zwei Direktoren-Villen (Wilhelmshofallee 91 und 97). Einiges mehr wurde nicht realisiert. Zudem gibt es eine Geschichte, die wie die Schindler-Story klingt: Textil-Fabrikant Hermann Lange ließ einen Teil seiner Projekte in den 1920er Jahren und einen Teil in der NS-Zeit bauen. Lange, ideenreicher Manager der Vereinigten Seidenwebereien, war schon seit Mitte der 1920er Jahren Enthusiast für die Moderne: sowohl für Bilder als auch für das Bauhaus, insbesondere für Mies van der Rohe und seine ebenfalls berühmte Freundin Lilly Reich. Auch als Lange sich arrangierte und NS-Wehrwirtschaftsführer wurde, blieb er Mensch: Er hielt seine Hand über die beiden Gestalter. Die Nazis hatten das Bauhaus in Dessau und Berlin geschlossen. Bauhaus-Direktor Mies galt als Kulturbolschewist. Er lebte von den Aufträgen, die Lange ihm gab – für Bauten und Ausstellungs-Pavillons auf Messen.
So gab es einige Jahre eine eigentümliche Konstellation: Der avantgardistische Mies van der Rohe, der sich noch einige Zeit im NS-Staat durchschlägt, ehe er 1936 das Land verlässt, und der moderne Firmen-Chef, der sich unangreifbar zu machen versteht. Für Mies ist Lange ein Glücks-Fall und wohl sein bester Kunde. Und umgekehrt. So leicht bekommt keine Stadt ihre Geschichten, den Ruhm und ein Image geschenkt. Wie lange verschläft sie das noch?