Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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5. November 2003

Juwel in Duisburgs Dichterviertel

Da reisen Leute weit weg, um etwas zu sehen, die imposanten Bauten der 1920er Jahre in Amsterdam zum Beispiel. Aber das Gute liegt auch vor der Tür – manchmal, wo es niemand vermutet. Ach, was wissen wir wirklich von der Region!
In Duisburg-Hamborn, wenige Schritte vom Rathaus im Dichter-Viertel, finden wir ein großartiges Projekt: das Bauhaus-Karree. Nach Plänen des Kölner Architekten Emil Mewes entstand 1929 ein ganzes Quartier mit 30 Gebäuden und 162 Wohnungen, damals für Zechen-Beschäftigte. An der Kreuzung der Kampstraße mit der Kantstraße formen spannende viergeschossige Fassaden vier Plätze. Solche Szenerien des „Neuen Bauens“ öffneten einst die Augen: Diese Weise des Gestaltens erschien brandneu; sie ist es auch heute.
Vorbildliches Umdenken
Die lange Zeit achtlose Duisburger Stadtverwaltung ließ die Platz-Szenerie herunterkommen, Hecken und Bäume verwuchern, stellte Mülltonnen, Peitschen-Masten und anderes hässliches Zeug auf. Welche Achtsamkeit haben die Leitenden, wenn sie die besten Teile der Stadt verkommen lassen? Wie viel Kenntnis von Grün-Architektur hat ein Grünflächenamt?
Aber: Was lässt sich in armer Zeit machen, wenn man die Mittel der Phantasie besitzt? Dann entsteht etwas ganz anderes als öder Bauwirtschafts-Funktionalismus. 1991 unter Denkmalschutz gestellt, werden nun die Gebäude modernisiert – und dabei im öffentlichen Bereich detailgenau restauriert. Dann wird Schönheit wieder erlebbar: Spätere banale Fenster werden durch die einstigen ersetzt – und wirken wieder wie Bilder, ebenso die Haus-Türen mit ihrer neuen alten Farbigkeit. Gezielt platzierte Ziegel-Ornamente zeigen: Diese Häuser waren etwas wert – und damit auch die Menschen. Die vier kleinen Plätze sind in einem großen Platz ineinander gesteckt. Hoffentlich werden die vier freistehenden Scheiben-Flächen rekonstruiert. Das Neue entfaltet sich im Inneren und an der Gartenseite, wo es auch möglich ist. Wohnungen werden zusammengelegt. Das Verfahren verspricht Sozialverträglichkeit.
Wohnungswirtschaft muss sich wandeln. Es genügt nicht mehr, nur Quadratmeter zu vermieten. Wer sich im schwierigen Markt (in Essen 11.000 Leerstände) behaupten will, muss Qualitäten anbieten – nicht nur funktional, sondern auch Schönheit. Ich lese dieses Projekt als eine Herausforderung an die anderen Wohnungs-Gesellschaften im Ruhrgebiet. Es steht in stärkstem Kontrast zum Verhalten der Viterra/E.ON und von Thyssen/Krupp, die ihre Verantwortung abgaben, weil sie wohl nur ein Ziel haben: ihren Bestand bis zur Auflösung zu verkaufen.
Das Bauhaus-Karree wertet Alt-Hambom auf. Daher ist die Stadt dringend aufgefordert, diese Plätze autofrei zu machen. Dann könnte es der Impuls sein, weitere Qualitäten des Duisburger Nordens zu entdecken und ins Licht zu stellen.