Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

<< Home

>> Kurz-Vita

>> Lieferbare Bücher

>> Schriften-Verzeichnis

<< Die NRZ Kolumne

5. September 2004

Irrtum, Ihr Senatoren!

Der Senat der Universität Duisburg-Essen beschloss im Juli 2004, den Studiengang Landschafts-Architektur einzustellen.
Da war mal wieder das uralte Vorurteil am Werk: Das Ruhrgebiet sei ein Industrie-Bezirk – da gäbe es kaum Landschaft, also sei Landschaftsplanung überflüssig in einem Zeitalter, in dem die Reduktion auf pure und banalste Nützlichkeit als Zukunfts-Orientierung ins Nichts Triumphe feiert.
Irrtum, ihr Senatoren! Eure Hochschulen haben schon die zehn Jahre IBA Emscher Park bis 1999 verschlafen – nun schlaft ihr weiter, verschlaft auch die Nützlichkeit einer Hochschule: Ihr seid nicht um eurer selbst willen eine öffentliche Institution, sondern Infrastruktur für Region und Land. Die Gesellschaft braucht euch! Konkret! Hier und jetzt!
Die Umwandlung eines Teils des Industrie-Gebietes in einen 100 Kilometer langen grünen Landschafts-Bereich mit „Arbeit im Park“ war mit der IBA Emscher Park ein pionierhaftes Unternehmen. Dies ist es auch weiterhin: mit dem Emscher Landschaftspark der Projekt Ruhr. Hinzu kommt das Industriewald-Projekt im mittleren Ruhrgebiet um Rheinelbe im Bereich Gelsenkirchen/Bochum/Essen. Darin wurden die Landmarken und die Landschafts-Kunst weltberühmt.
Luxus? Nein – in einer durch die Industrialisierung aufgestiegenen, aber auch gebeutelten Landschaft spielt seit 1990 die Freiraum-Gestaltung eine hochwichtige Rolle. Auch für die Nützlichkeit. Sie zählt zu den weichen Standort-Faktoren. Wer lebt schon gern in total zersiedelten, banalen Bereichen? Wer will sich als Wirtschaft in diesen Bausünden ansiedeln? Die Landesregierung arbeitet seit 20 Jahren daran, dieses Land wieder attraktiv zu machen. Dafür braucht man Infrastruktur: die Intelligenz von Sachkundigen. Kann, ja muss man sie nicht auch in der Region produzieren?
Dem Fachbereich in Essen-Duisburg sollten wir allerdings ebenso vorhalten: Ihr habt diesen Struktur-Wandel in eurem Land so verschlafen wie eure Senatoren – wie ganze Hochschulen, bis heute. Man hätte euch gewiss nicht geschlossen, wenn ihr euch wach eingemischt und engagiert hättet.
Trotzdem: Die Hochschule muss und kann ihre einfältige Entscheidung wieder zurücknehmen: begreifen, dass sie damit der Rhein/Ruhr-Region schadet, weil sie ihr eine wichtige Ressource nimmt.
Aktion Goldene Brücke: Die Rote Karte für das Fach kann dazu führen, dass die Abteilung sich reformiert: sich auf Verantwortung und Engagement für eine der spannendsten und größten Landschaftsumwandlungen der Welt besinnt. Dann können Irrtümer zum Guten führen.
Das braucht das Land. Die Hochschulen in der dichtesten Hochschul-Landschaft der Welt müssen begreifen, dass sie eine regionale Infrastruktur sein sollten. Sonst entstünde leicht der verwegene Gedanke, sie sämtlich zu schließen, um damit viel Geld zu sparen – und die Studenten nach Singapur zu schicken, weil das billiger sein könnte.
Mitten im Strukturwandel brauchen wir eine Intelligenz, die sich nicht in globale Abstraktion verflüchtigt, sondern konkret und verantwortungsvoll tätig wird – hier.