Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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4. August 2004

Moloch im Freizeitgewand

Vor einigen Jahren machte der Deutsche Werkbund, eine interdisziplinäre Vereinigung von Planem und Gestaltern, auf dem Rhein eine Tour von Königswinter nach Nijmwegen. Als das große Schiff sich der „Küste von Kalkar“ näherte, sprangen die vielen Menschen an Bord wie elektrisiert auf – und der Reiseführer erzählte ihnen eine Geschichte, die wie ein Märchen klang, aber greifbar vor Augen stand.
Am Ufer sollte ein tödlicher Moloch entstehen: eine Plutonium-Fabrik – eine Hexenküche, die alle Vorstellungen übertraf. Das ungeheuerliche Material würde Tausende von Jahren tödliche Strahlen aussenden. Und es kostet gewaltige Mühe, sich gegen sie zu schützen – vielleicht wäre es niemals möglich. Allein die Zäune, mit denen man dieses Teufelszeug auf ewig sichern müsste, kosten unsere Nachfahren bizarre Summen.
Dieser „Schnelle Brüter“entzweite das Volk. Die eine Hälfte organisierte gewaltige Demonstrationen. Bauer Maas, der sich widersetzte, in dem er sich weigerte, Land zu verkaufen, wurde zum Volks-Helden. Der damalige Regierungschef brandmarkte die vier Abgeordneten, die das Rückgrat hatten, ihre Zustimmung zu verweigern, mit ungeheuren Sätzen: als „chinesische Vierer-Bande“. Vielleicht schämt er sich heute dafür. In Beton und Geräten wurde die gewaltige Summe von damals sieben Milliarden Mark versenkt. Als alles fertig war – kam das Aus, bevor ein Kilowatt Energie erzeugt war. Die für schwach gehaltene Vernunft war mächtig geworden und hatte das irrationale Projekt besiegt.
Ein mutiger Holländer kaufte das Areal, man sagt, für wenig Geld. Es kostete ihn dann doch einiges – er machte etwas Verrücktes daraus: einen Freizeit-Park, das „Kernwasserwunderland“. Nirgendwo auf der Welt kann man den Wandel der Vorstellungen so deutlich und drastisch erleben wie hier. Im Hotel übernachten Touristen. Durch das Atom-Werk gibt es Führungen. In den Szenerien draußen und drinnen genießen sie, was ihnen Urlaubs-Tage an sorglosem Leben zu bieten haben. Manche schauen auf den vorbeifließenden Rhein – vielleicht mit dem Gefühl, mit dem Strom einen großartigen Querschnitt von Europa und seiner Geschichte zu ahnen, ein bisschen Wagners Nibelungen in neuer Version. Manche denken über Gipfel menschlicher Hochtechnologie nach – wie zwiespältig vieles davon sein kann, wie es sich versteigt und auch wieder abstürzt.
Ich gestehe dabei meine Freude: Eine Hölle wurde umgewandelt. Ob zu einem Himmel, weiß ich nicht. Jedenfalls zu etwas, das Sinn machen kann. Auf den gewaltigen Kühlturm ließ der Holländer das größte Bild des Landes malen: den Traum der alten niederländischen Maler, die seit vielen Jahrhunderten von ihrem flachen Land den Rhein aufwärts zum Gebirge ziehen. Vor Augen steht: eine Alpen-Landschaft – im Schnee.
Im übrigen bleibt der Unternehmer leider in der Ebene des handfest Nützlichen, die man nach einem Vorurteil Holländern nachsagt. Man könnte ihm raten, die erwachte holländische Literatur einzubeziehen: Da gibt es vorzügliche Literaten, die uns helfen könnten, diesen aberwitzig interessanten und symbolischen Ort gedankenreich durchzuarbeiten.